Grundlagen moderner Geldpolitik III

Im letzten Abschnitt dieses Blogs wollen wir uns mit den Besonderheiten des europäischen Geldsystems beschäftigen. Vorweg soll erklärt werden, welchen Einfluss die staatliche Ausgabe von Anleihen auf die Geldpolitik hat, wie also das Zusammenspiel zwischen Geld- und Fiskalpoltik aussieht. Auch dieser Abschnitt ist in weiten Teilen dem Buch von Dirk Ehnts (2016) angelehnt.

Das Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik

In der Regel hat die Regierung ein Reservenkonto bei der Zentralbank, auf dem staatliche Einnahmen und Ausgaben geführt werden. In Deutschland ist dies das Konto der Bundesrepublik des Bundesministeriums für Finanzen (BMF), welches von der Bundesbank zur Verfügung gestellt wird, aber den Weisungen des BMF unterliegt. Ein Differenzbetrag auf diesem Konto muss durch die Neuaufnahme von Schulden ausgeglichen werden. Dies wird in Deutschland von der Finanzagentur GmbH organisiert. Diese ist eine vom BMF gegründete Firma, die sich um Kreditaufnahme und Schuldenmanagement kümmert.

Der Erstverkauf von Staatsanleihen der Regierung geschieht am sogenannten Primärmarkt. In der Euro-Zone ist es der Zentralbank untersagt, am Primärmarkt Staatsanleihen zu kaufen, da man befürchtet, dass eine monetäre Staatsfinanzierung zu einer steigenden Inflation führt. Aufgrund der unendlichen Kapazität der Zentralbank, Reserven zu schöpfen, könnte die Regierung dazu verleitet werden, ihre Ausgaben zu stark zu erhöhen. Eine zu hohe Nachfrage könnte dann zu steigenden Preisen führen, wenn der Unternehmenssektor an seine Kapazitätsgrenzen gerät. Diese Haltung ist jedoch umstritten. Wir werden die Frage, ob eine monetäre Staatsfinanzierung inflationär wirkt, bzw. unter welchen Umständen dies der Fall ist, in diesem Blog nicht abschließend beantworten können und beschränken uns auf die bilanz-technischen Auswirkungen selbiger.

Die Erstkäufer von Anleihen bestehen derzeit aus Banken aus der EU, den USA, Großbritannien und Japan. Wird eine Staatsanleihe neu emittiert und vom Bankensektor gekauft, so überweisen die Banken Reserven in Höhe des Kaufpreises auf das Zentralbankkonto des Finanzministeriums. Will das Finanzministerium mit dem Geld zum Beispiel die Rechnung für den Bau einer Brücke begleichen, werden die Reserven der Bank des Brückenbauers übertragen, die ihm die Summe in Form von Einlagen gutschreibt.

Betrachten wir 4 Akteure (diese können auch als Sektoren interpretiert werden): Die Zentralbank, die Regierung, eine Geschäftsbank und einen Haushalt. In der Ausgangssituation sind alle Bilanzen leer. Die Bank leiht sich nun Reserven von der Zentralbank im Wert von 100 €:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredit & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100& Kredit & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Die Regierung emittiert nun Anleihen im Wert von 100 €, die von der Bank gekauft werden:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100 & Staatsanleihen & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100& Kredit & 100\\ \sout{Reserven}&\sout{100}&& \end{tabular} \end{tabular}

Die Bilanz der Regierung ist ähnlich zu verstehen wie ein Bankkonto. Reserven sind demnach Forderungen gegenüber der Zentralbank, die auf dem Zentralbankkonto der Regierung gutgeschrieben werden. Die Staatsanleihen hingegen sind Verbindlichkeiten gegenüber der Geschäftsbank. Der Verkauf der Anleihe an die Geschäftsbank hat dem Bankensektor zunächst einmal Reserven entzogen, die nun auf dem Konto der Regierung gebunden sind.

Führen wir das Beispiel fort, indem die Regierung mit den erhaltenen Reserven eine Dienstleistung des Haushalts abkauft, welcher ein Konto bei der Geschäftsbank besitzt. Nach dieser Transaktion weisen die Bilanzen der 4 Akteure folgende Einträge aus:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredit & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline \sout{Reserven} & \sout{100} & Staatsanleihen & 100\\ &&Nettovermögen&-100 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100& Kredit & 100\\ Reserven&100&Einlagen&100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 100& Nettovermögen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Die Reserven wurden nun wieder auf dem Zentralbankkonto der Geschäftsbank gutgeschrieben und auf dem Konto der Regierung vermindert. Die Regierung ist nun netto in Höhe der Anleihen verschuldet. Dieser Verschuldung steht ein ebenso hohes Nettovermögen im Haushaltssektor gegenüber. Wie wir bereits anhand der Finanzierungssalden der einzelnen Sektoren gelernt haben, kann der Privatsektor nur Einnahmeüberschüsse verzeichnen, wenn alle anderen Sektoren in der Summe ebenso hohe Defizite verzeichnen. Da wir in unserem Beispiel vom Ausland abstrahiert haben, kann ein Überschuss im Privatsektor nur durch ein Defizit im Staatssektor ermöglicht werden.

Wenn nun noch die Geschäftsbank ihren Kredit bei der Zentralbank begleicht, sehen die Bilanzen am Ende unseres Beispiels wie folgt aus:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline \sout{Kredit} & \sout{100} & \sout{Reserven} & \sout{100} \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline ~&~ & Staatsanleihen & 100\\ &&Nettovermögen&-100 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100& \sout{Kredit} & \sout{100}\\ \sout{Reserven}&\sout{100}&Einlagen&100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 100& Nettovermögen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Nun sind die Reserven, die sich die Bank zum Kauf der Anleihe bei der Zentralbank geliehen hat, wieder vernichtet worden. Die Emission von Staatsanleihen hat also Einlagen geschaffen, ohne dass sich die Höhe der Reserven im Geschäftsbankensektor verändert hat. Stattdessen hält die Geschäftsbank nun eine Forderung gegenüber der Regierung in Form der Anleihe.

Monetäre Staatsfinanzierung

Als monetäre Staatsfinanzierung bezeichnet man den direkten Ankauf der Zentralbank von Anleihen am Primärmarkt. Ein solcher direkter Ankauf von Staatsanleihen ist der EZB untersagt. Allerdings darf sie auf dem Sekundärmarkt, also von den Geschäftsbanken, Anleihen kaufen. Buchungstechnisch können wir uns diesen Vorgang durch eine weitere Fortführung unseres Beispiels verdeutlichen:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline ~&~ & Staatsanleihen & 100\\ &&Nettovermögen&-100 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100&Einlagen&100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 100& Nettovermögen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Durch den Anleiheaufkauf ist zusätzliche Liquidität im Bankensektor entstanden. Zudem wird der Aufkauf die Preise für Staatsanleihen nach oben treiben und somit die effektive Verzinsung reduzieren. Dadurch können in Zukunft auch Neuemissionen zu günstigeren Zinsen am Markt platziert werden.

Doch nun zur direkten Staatsfinanzierung, also dem Ankauf von Staatsanleihen durch die Zentralbank am Primärmarkt. Dies ist in den meisten Ländern der Zentralbank untersagt, aber zum Beispiel in Kanada erlaubt (in den USA war es der Federal Reserve Bank bis 1935 ebenfalls erlaubt). Nehmen wir an, die Regierung weist die Zentralbank an, ihr Staatsanleihen im Wert von 100 € abzukaufen:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100& Staatsanleihen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Im nächsten Schritt kauft die Regierung wieder eine Dienstleistung des Haushalts ab. Hierzu überweist die Regierung die Reserven im Wert von 100 € auf das Bankkonto des Haushaltes. Die Bank wiederum schreibt dem Haushalt Einlagen im Wert von 100 € gut:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline \sout{Reserven} & \sout{100} & Staatsanleihen & 100\\ &&Nettovermögen&-100 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100&Einlagen&100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 100& Nettovermögen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Wir sehen an diesem Beispiel, dass es langfristig keinen Unterschied macht, ob die Zentralbank die Anleihen am Primär- oder am Sekundärmarkt kauft. Bei Kauf über den Sekundärmarkt müssen die Banken in Vorleistung treten und sich temporär bei der Zentralbank verschulden. Da Staatsanleihen i.d.R. höhere Zinserträge bringen, als man Zinsen für Reserven bei der Zentralbank zahlen muss, ist das für den Bankensektor durchaus ein lukratives Geschäft. Wenn sich die Regierung direkt bei der Zentralbank verschuldet, bleibt ihr die Zinszahlung an den Bankensektor dagegen erspart. Und auch die Zinszahlung an die Zentralbank ist nur ein temporärer Verlust, da sie die Gewinne der Zentralbank erhöht und somit die Gewinnausschüttung der Zentralbank an die Regierung.

Des Weiteren sehen wir, dass die Emission von Staatsanleihen zusätzliche Reserven im Interbankenmarkt geschaffen hat. Die monetäre Staatsfinanzierung führt durch den Anstieg der Reserven also zu einem sinkenden Zins im Interbankenmarkt. Bei monetärer Staatsfinanzierung ist Fiskalpolitik so gesehen auch Geldpolitik. Sollte der Zins nun vom gewünschten Niveau der Zentralbank abweichen, müsste die Zentralbank dem Privatsektor Reserven wieder entziehen, z.B. durch den Verkauf der gerade erworbenen Staatsanleihen. So würden die Anleihen wieder im privaten Bankensektor landen und die Bilanzen sähen exakt so aus wie bei einem direkten Verkauf der Staatsanleihen an den privaten Bankensektor.

Auch Steuern haben einen Einfluss auf die Reservemenge im Bankensektor. Nehmen wir an, die Regierung erhebt Steuern in Höhe von 20 % auf das Einkommen des Haushaltssektors. Der Haushalt würde dann seine Bank anweisen, die Steuerschuld von 20 € auf das Regierungskonto zu überweisen. Die Reserven werden dann wieder auf dem Reservekonto der Regierung gutgeschrieben. Die Bilanzen ändern sich dementsprechend:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Staatsanleihen & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Regierung}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 20 & Staatsanleihen & 100\\ &&Nettovermögen&-80 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 80&Einlagen&80 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 80& Nettovermögen & 80 \end{tabular} \end{tabular}

Durch die Besteuerung wurden den privaten Banken Reserven entzogen und es ist sowohl die Staatsverschuldung als auch das Nettovermögen der Haushalte gesunken. Die Regierung könnte nun die so dazugewonnenen Reserven verwenden, um einen Teil seiner Anleiheschulden zu begleichen. Für Regierung und Zentralbank wäre dies eine Bilanzverkürzung. Die Staatsanleihen in den Bilanzen würden sinken und die Reserven würden vernichtet werden.

Können Regierung und/oder Zentralbank Pleite gehen?

Die hohen Verschuldungsquoten in nahezu allen Industrienationen seit der Finanzkrise führen zwangsläufig zu der Frage nach den Grenzen der Verschuldung. Wenn eine Regierung von Krediten des Privatsektors abhängig ist, weil es der Zentralbank untersagt ist, der Regierung Staatsanleihen abzukaufen, so ist es möglich, dass eine Regierung keine Interessenten findet, die ihr Geld leihen. Es passiert regelmäßig, dass Regierungen das gewünschte Anleihevolumen nicht verkaufen können. Zudem ist es möglich, dass ein Risikoaufschlag, also ein höherer Zins, verlangt wird, weil ein Risiko besteht, dass die Regierung die Anleihe bei Fälligkeit nicht ausbezahlen kann. Dies kann für eine Regierung sehr kostspielig werden und sogar dazu führen, dass sie in eine Schuldenspirale gerät und immer mehr neue Schulden zur Begleichung der Altschulden aufnehmen muss. Eine solche Regierung ist Pleite, wenn sie am Anleihemarkt kein Geld mehr bekommt. In solch einem Fall werden zunächst die Gehälter der Staatsangestellten nicht mehr ausgezahlt. Häufig ist dies mit politischer Instabilität verbunden, da nun weder Polizei noch Militär bezahlt werden. Eine Regierung wird dann die Zahlungsunfähigkeit erklären und den Nennwert der Staatsanleihen reduzieren oder ganz streichen. Der Neuanfang wird dadurch erschwert, dass ihr nun niemand mehr Geld leihen wird.

Ebenso ist es möglich, dass sich Staaten in ausländischer Währung verschulden. Dies passiert häufig, wenn ein Land durch den Export nicht genügend Deviseneinnahmen erzielt als es benötigt, um seine Importe zu zahlen. Selbst wenn die Zentralbank bereit wäre, eigene Staatsanleihen zu kaufen, könnte man in der einheimischen Währung die ausländischen Schulden damit nicht bezahlen. Die argentinische Regierung hat nach einer Krise in 2005 daher Anleihen, die auf US-Dollar notiert waren, im Nennwert um 75 % reduziert, weil sie nicht genügend Dollar besaß, um ihre Schulden zu begleichen. Ein Land, dass von Importen abhängig ist, aber im Gegenzug keine Exportgüter anzubieten hat, an denen das Ausland Interesse hat, ist aus monetärer Sicht daher nicht souverän. Die Ursache ist jedoch eine realwirtschaftliche, nämlich die fehlenden Exportgüter.

Übernimmt die Zentralbank die Rolle des sogenannten Kreditgebers der letzten Instanz (lender of last resort), ist sie mindestens im Notfall bereit, Anleihen aufzukaufen, um eine drohende Staatspleite abzuwenden. Ist die Zentralbank der Regierung unterstellt, wie es zum Beispiel in Kanada der Fall ist, weist die Regierung die Zentralbank an, ihr Reserven in ausreichender Höhe gegen Staatsanleihen zu tauschen, sofern eine Neuverschuldung notwendig ist. Ist eine Verschuldung in ausländischer Währung nicht gegeben, ist in einem solchen Arrangement eine Staatspleite nicht möglich.

Da eine Zentralbank jederzeit per Knopfdruck Reserven schaffen kann, kann sie grundsätzlich nicht Pleite gehen. Wenn sie viele Wertpapiere gekauft hat, deren Kurse sinken, kann es sein, dass sie Verluste realisiert und irgendwann sogar ein negatives Eigenkapital ausweist, was sie in ihrer Funktion zunächst einmal aber nicht weiter einschränkt. Da keine Gewinne mehr erwirtschaftet werden, würden die Gewinnauszahlungen der Zentralbank an die Regierung entfallen, aber es müssten keine Verluste ausgeglichen werden. Theoretisch kann eine Zentralbank daher mit negativem Eigenkapital weiterhin Reserven schöpfen und Kredite an Banken vergeben.

Selbstvertändlich kann eine Regierung bei Zugriff auf das Zentralbankgeld zu viele Güter im Privatsektor kaufen und somit inflationäre Tendenzen hervorrufen. Jedoch ist es unmöglich, dass die Regierung zahlungsunfähig wird, weil sie ihre Zahlungsmittel jederzeit in unbegrenzter Menge selber herstellen kann.

Das System europäischer Zentralbanken

Die bisherigen Ausführungen sind immer implizit davon ausgegangen, dass wir eine souveräne Währung für ein Land betrachten. Im Euro-Raum ist dies etwas komplizierter, da das System der europäischen Zentralbanken aus einer Zentralbank, der EZB in Frankfurt, und 19 nationalen Landeszentralbanken besteht. Die derzeitigen Mitglieder der Währungsunion sind Belgien, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien und Zypern. Neben den Mitgliedern der Euro-Zone gibt es noch eine Reihe von Staaten, die den Euro als offizielle Währung verwenden (z.B. Monaco und Vatikanstadt) und Länder, die ihre Währung an den Euro gebunden haben (z.B: Bulgarien). Zudem existiert noch immer der sogenannte Wechselkursmechanismus (WKM) II, der als Übergangskonzept fungierte, bevor der Euro als offizielle Währung eingeführt wurde. Im WKM II dürfen die nationalen Währungen nur zu einer gewissen Bandbreite zum Euro schwanken (derzeit \pm2,25 %). Es befindet sich nur noch Dänemark im WKM II, jedoch profitieren auch Länder, die an die dänische Krone gebunden sind. Aus Platzgründen werden wir in dieser Einführung nur beiläufig über die verschiedenen Wechselkursarrangements sprechen und uns primär auf die derzeitige Ausgestaltung des Euros konzentrieren.

Der Euro wurde als Buchgeld am 1. Januar 1999 eingeführt (als Bargeld am 1. Januar 2002). Abbildung 14 zeigt die jährliche Verzinsung 10-jähriger Staatsanleihen der Euro-Mitglieder und illustriert, wie die Einführung des Euros die Zinsniveaus bereits im Vorfeld zur Annäherung gebracht hat. Dies liegt daran, dass Anleger gewisse Risiken nicht mehr eingepreist haben, die vorher eine bedeutende Rolle gespielt haben. Hierzu gehört vor allem das Abwertungsrisiko. Länder wie Italien, Griechenland oder Spanien haben sowohl unter dem Bretton-Woods Regime wie auch in den Euro-Vorläufer-Systemen regelmäßig ihre Währung abgewertet, wenn in diesen Ländern durch zu hohe Lohnsteigerungen die Preise zu stark angestiegen sind. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, hat man die eigene Währung günstiger gemacht. Für Anleger bedeutete dies, dass sie weniger für ihre Anleihe zurückbekamen, weil sie in einer nun schwächeren Währung notiert war. Da die Anleger das wussten, wählten sie lieber eine deutsche Anleihe, da die deutsche Währung im Vorfeld regelmäßig aufgewertet wurde. Die anderen Regierungen mussten einen Risikoaufschlag auf den deutschen Zins zahlen, wenn sie Geld aufnehmen wollten.

Abbildung 14: Zinsannäherung im Vorfeld der Euro-Einführung
Anmerkung: Langfristige nominale (auf das Jahr gerechnete) Zinsen für Staatsanleihen mit 10-jähriger Laufzeit; Quelle: Ameco.

Nach Einführung des Euro gingen die Anleger davon aus, dass Staatsanleihen im Euro-Raum risikolose Wertpapiere seien. Die Staatspleite eines Euro-Mitgliedes hielt man für ausgeschlossen, auch wenn die Nichtbeistands-Klausel in den EU-Verträgen besagt, dass kein Euro-Mitglied für die Verschuldung eines anderen Landes aufkommen muss. Diese auf Druck Deutschlands eingeführte Klausel war in den Anfangsjahren des Euros offensichtlich nicht glaubwürdig. Man ist davon ausgegangen, dass man einem Land, dass in Zahlungsschwierigkeiten gerät, helfen wird, um eine Währungskrise zu verhindern. Daher näherten sich alle Zinssätze im Euro-Raum dem Benchmark-Niveau deutscher Staatsanleihen an.

Die wichtigsten geldpolitischen Entscheidungen, wie zum Beispiel die Festlegung der Zinsen, der Mindestreserve, der Zuteilungsmenge etc. werden seit der Euro-Einführung vom EZB-Rat entschieden. Diesem gehören, neben den 6 Direktoriumsmitgliedern, die Präsidenten der nationalen Zentralbanken der 19 Mitgliedstaaten des Euroraums an. Die Direktoriumsmitglieder werden vom Europäischen Rat mit qualifizierter Mehrheit ausgewählt und ernannt. Der EZB- Rat tagt i.d.R. zwei mal im Monat. Die nationalen Zentralbanken setzen die geldpolitischen Vorgaben der EZB um und informieren diese mit umfangreichen Analysen und Statistiken. Zudem sind die nationalen Zentralbanken i.d.R. für die Aufsicht nationaler Kreditinstitute zuständig. Für eine detaillierte Aufstellung der Aufgaben nationaler Zentralbanken sowie der EZB ist eine Vorlesung mit Schwerpunkt Geldtheorie zu empfehlen. Institutionelle Gegebenheiten lassen sich aber auch auf der Website der Bundesbank und/oder der EZB nachlesen.

Die nun folgenden Abschnitte sollen die Kernfunktionsweise des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) darstellen und einige geldpolitische Phänomene erklären, die seit der Gründung dieses immer noch relativ jungen Systems zu beobachten sind.

Das TARGET2-System

TARGET2 (Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System) ist das System zur Abrechnung des Zahlungsverkehrs innerhalb des Euro-Raumes.1 An den bisherigen Darstellungen waren bei einer Überweisung lediglich die beiden Geschäftsbanken und eine Zentralbank beteiligt. Durch die Überweisung verändern sich die Einträge auf den Reservekonten der Banken bei der Zentralbank. Im Eurosystem hat jede Geschäftsbank ihr Reservenkonto jedoch bei der nationalen Zentralbank.

Die Bedeutung der Target2-Salden ist ausgesprochen umstritten, die Buchung der Vorgänge an sich mit Hilfe der doppelten Buchführung dagegen relativ einfach. Gehen wir wieder von einem Beispiel aus. Nehmen wir an, ein italienischer Kunde kauft ein deutsches Konsumgut für 100 €. Wir betrachten zunächst einmal die Ausgangslage in den Bilanzen des deutschen Unternehmens, des italienischen Kunden, der Geschäfts- und nationalen Zentralbanken sowie der EZB:

\begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{EZB}\hfill\textbf{P}}\\ \hline ~& 0& ~ & 0 \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.7 cm}R{1cm}|p{2.7cm}R{1cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Banca d'Italia}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 10000 & Reserven & 10000 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.7 cm}R{1cm}|p{2.7cm}R{1cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bundesbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 15000 & Reserven & 15000 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank Italien}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 1000& Einlagen & 1000 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank Deutschland}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 1500& Einlagen & 1500 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt Italien}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 1000& Nettovermögen & 1000 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Unternehmen Deutschland}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 1500& Nettovermögen & 1500 \end{tabular} \end{tabular}

Es handelt sich wieder um eine Beispielbilanz. Jede andere denkbare Ausgangssituation würde zu den gleichen Veränderungen führen wie die, die wir im folgenden analysieren werden. Wir nehmen nun an, dass der italienische Käufer seine Geschäftsbank beauftragt, eine Überweisung auf das Konto des deutschen Unternehmens zu tätigen. Die Einlagen des deutschen Unternehmens müssen nun entsprechend steigen und die des italienischen Haushaltes sinken. Die Gegenbuchung in den Bilanzen muss natürlich eine entsprechende Veränderung der Reserveguthaben bei den nationalen Zentralbanken sein. Hierdurch entstehen Fehlbeträge in den Bilanzen der nationalen Zentralbanken. Diese werden über das TARGET2-System in der Bilanz der EZB vermerkt:

 \begin{tabular}[t]{p{5 cm}R{0.8cm}|p{5cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{EZB}\hfill\textbf{P}}\\ \hline TARGET2 Banca d'Italia& 100&TARGET2 Bundesbank & 100 \end{tabular}

\begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.7 cm}R{1cm}|p{2.7cm}R{1cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Banca d'Italia}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 10000 & Reserven & 9900\\ &&T2 (EZB)&100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.7 cm}R{1cm}|p{2.7cm}R{1cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bundesbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 15000 & Reserven & 15100\\ T2 (EZB)&100&& \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank Italien}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 900& Einlagen & 900 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank Deutschland}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 1600& Einlagen & 1600 \end{tabular} \end{tabular}

\begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt Italien}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 900& Nettovermögen & 900 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Unternehmen Deutschland}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 1600& Nettovermögen & 1600 \end{tabular} \end{tabular}

Die Bundesbank besitzt nun eine TARGET-Forderung gegenüber der EZB und die Banca d’Italia eine Target-Verbindlichkeit. Target-Forderungen und Verbindlichkeiten bei der EZB werden mit dem Zins der Hauptrefinanzierungsfazilität verzinst. Die TARGET-Salden der Mitgliedsländer sind in den Jahren nach der Finanzkrise stark angestiegen, weil der Interbankenmarkt zusammenbrach. Seitdem sind sie Bestandteil eines wirtschaftspolitischen Disputs, bei dem es darum geht, ob Länder mit positiven TARGET-Saldo (wie die deutsche Bundesbank) von den Ländern mit TARGET-Defiziten ausbezahlt werden sollten. Allerdings handelt es sich bei den TARGET-Salden nicht um Kredite im engeren Sinne. TARGET-Forderungen können niemals fällig gestellt werden und im Prinzip auf ewig in der Bilanz der EZB geführt werden. Ein herkömmlicher Kredit hingegen muss zu einem vorher vereinbarten Zeitpunkt auch zurückgezahlt werden.

TARGET-Forderungen werden häufig als Guthaben bei der EZB bezeichnet. Es handelt sich hierbei aber nicht um ein Guthaben, das man verwenden kann, um im Ausland einzukaufen. Hierfür sind letztlich nur die Guthaben auf den Konten der privaten Akteure (Käufer und Verkäufer) relevant. Wie wir sehen, hat der italienische Kunde auch das nötige Geld gehabt, um die Waren aus Deutschland zu bezahlen.

Die TARGET-Salden entstehen also nur, weil die Reservekonten der europäischen Geschäftsbanken nicht bei der EZB, sondern bei den nationalen Zentralbanken geführt werden. Viele Ökonomen sehen in den TARGET-Salden daher lediglich einen Buchungsvorgang, der ohne weitere Bedeutung ist. Würde man innerhalb eines Landes eine solche Überweisung tätigen, so würde sich dies lediglich auf den entsprechenden Reservekonten der einen nationalen Zentralbank widerspiegeln: Einlagen und Reserven der Verkäuferbank werden erhöht, während die der Käuferbank reduziert werden. Die Buchungen, die jetzt in den Bilanzen der nationalen Zentralbanken sowie der EZB vollzogen werden, sind der Ersatz für die Umbuchungen in den Reservekonten, die bei einer inländischen Überweisung vorgenommen worden wären. Dadurch, dass der Transfer aber über die Ländergrenzen hinweg stattfand, hat die Bundesbank nun zusätzliche Reserven geschöpft, während die Banca d’Italia Reserven vernichtet hat. Würde man die Reservekonten direkt bei der EZB führen, würde es gar keine Salden bei nationalen Zentralbanken geben, um die man sich streiten könnte. Genau so ist es innerhalb der Länder ja auch: Niemand würde eine Überweisung eines Hamburger Kunden auf das Konto eines bayrischen Unternehmens als einen Kredit der bayrischen Landesbank an die Hamburger Landesbank sehen. Bei einer inländischen Überweisung zwischen zwei Kunden, die zwar in unterschiedlichen Bundesländern ihr Konto führen, jedoch bei der gleichen Bank, würden gar keine Umbuchungen auf Reservekonten vorgenommen werden müssen.

Das TARGET2-System soll den reibungslosen Zahlungsverkehr innerhalb der Währungsunion ermöglichen. Die TARGET-Salden entstehen wegen des freien Kapitalverkehrs innerhalb der Euro-Zone, der es ermöglicht, problemlos Geld zwischen den Ländern zu überweisen. Würde die EZB eine solche Umbuchung nicht durchführen, würde der Zahlungsverkehr innerhalb der Euro-Zone zusammenbrechen und Überweisungen könnten nicht durchgeführt werden. Wie das Beispiel zeigt, muss der internationale Handel auch nicht “finanziert” werden, wie häufig behauptet wird, weil der Kunde das nötige Geld auf seinem Bankkonto besitzt.

Wenn Land A in der Euro-Zone mehr Überweisungen an Land B tätigt als umgekehrt, entsteht ein entsprechender Saldo. Dieser kann aber nur reduziert werden, wenn nun Land B mehr Überweisungen an Land A tätigt. TARGET2-Salden reflektieren daher auch die Unterschiede in den Leistungsbilanzen der EURO-Mitgliedsländer. Länder, die dauerhaft Überschüsse erzielen, werden dauerhaft mehr Überweisungen aus dem Ausland bekommen als umgekehrt. Die “Forderung” gegenüber der EZB, die hierdurch entsteht, kann nur wieder ausgeglichen werden, indem man diesen Prozeß umkehrt und mehr Überweisungen an das Ausland tätigt als umgekehrt.

Vergleichbar mit der Kreditvergabe zwischen Geschäftsbanken innerhalb eines Landes, können sich auch innerhalb der Euro-Zone Geschäftsbanken Kredite geben oder sich gegenseitig Reserven leihen und so das TARGET2-System umgehen. Die deutsche Geschäftsbank hätte nach der obigen Transaktion 100 € mehr Reserven in der Bilanz. Diese stellen Überschussreserven dar und werden nur mit der Einlagefazilität verzinst. Die italienische Geschäftsbank hat nun weniger Reserven auf ihrem Zentralbankkonto und ist evtl. an zusätzlichen Reserven interessiert. Würde sie sich die Reserven bei der EZB leihen, müsste sie über Nacht den Spitzenrefinanzierungszins dafür zahlen. Einigen sich die beiden Banken auf einen Kredit, dessen Zins zwischen Einlage- und Spitzenfazilität liegt, könnte ein Zahlungsaufschub für beide Banken einen Vorteil darstellen. Die Bilanzen würden sich entsprechend ändern:

 \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{EZB}\hfill\textbf{P}}\\ \hline ~& 0&~& 0 \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.7 cm}R{1cm}|p{2.7cm}R{1cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Banca d'Italia}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 10000 & Reserven & 10000 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.7 cm}R{1cm}|p{2.7cm}R{1cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bundesbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 15000 & Reserven & 15000 \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank Italien}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 1000& Einlagen & 900\\ && Kredite (D)&100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Geschäftsbank Deutschland}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 1500& Einlagen & 1600\\ Kredite (I) & 100 && \end{tabular} \end{tabular}

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Haushalt Italien}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 900& Nettovermögen & 900 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Unternehmen Deutschland}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen & 1600& Nettovermögen & 1600 \end{tabular} \end{tabular}

Solange sich die Geschäftsbanken im Euro-System untereinander vertrauen und/oder die Überweisungen zwischen den Teilnehmerländern des Euros symmetrisch ausfallen, sollten die TARGET2-Salden klein sein. Da auch für die gesamte Euro-Zone gilt, dass sich positive und negative Salden immer zu Null addieren müssen, entstehen die TARGET-Salden nur dann, wenn das Vertrauen zwischen Banken unterschiedlicher Länder so gering ist, dass man sich gegenseitig keinen Kredit mehr gewährt.

Dies war zum Beispiel nach der Finanzkrise der Fall: Da viele Geschäftsbanken befürchteten, einen Kredit im Interbankenmarkt nicht mehr zurück zu bekommen, schreckte man davor zurück, Reservezahlungen aufzuschieben, indem man sich gegenseitig Kredit gewährte. Dadurch waren Reserven in den Krisenländern, die i.d.R. auch Leistungsbilanzdefizite aufweisen, knapp. Länder, die dauerhaft mehr importieren als exportieren, müssen ständig mehr Überweisungen an das Ausland tätigen, als sie vom Ausland bekommen. Solange man sich im Interbankenmarkt die nötigen Reserven leihen konnte, war dies kein Problem.

Mit Zusammenbruch des Vertrauens verschwand diese Option und die Banken der Defizitländer mussten sich die Reserven (gegen Vorlage ausreichender Sicherheiten) bei der nationalen Zentralbank besorgen und die Überweisung über das TARGET2-System buchen. Hierdurch entstanden TARGET2-Einträge bei der EZB. Bei einer Auflösung des Euro-Raumes oder dem Austritt einiger derzeitiger Mitglieder könnten die hinterlegten Sicherheiten verwendet werden, um die TARGET-Forderungen zu begleichen. Da unklar ist, welchen Wert diese Sicherheiten dann noch haben werden (bzw. in welcher Währung sie notiert sind), können Abschreibungsverluste entstehen. Dies ist aber das übliche Risiko, das Länder mit hohen Exportüberschüssen tragen müssen. Da sie permanent Einnahmeüberschüsse aus dem Ausland erhalten, akkumulieren sie Forderungen in ausländischer Währung, die Bewertungs- und Wechselkursschwankungen unterliegen.

Da der Käufer den Verkäufer bezahlt hat, entsteht für die an der Transaktion beteiligten Privatpersonen jedoch kein Nachteil. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich vorstellt, man hätte die Zahlung in bar über einen Geldkurier getätigt. Die italienische Geschäftsbank hätte dann ihre Reserven bei der nationalen Zentralbank zum Teil in Bargeld tauschen müssen, damit der Kurier dieses nach Deutschland bringen kann. Dort würde es vom deutschen Verkäufer auf sein Konto eingezahlt werden, wodurch sich bei der deutschen Geschäftsbank die Menge an Zentralbankgeld entsprechend erhöht hätte.

Um genügend Liquidität bereit zu stellen, hat die EZB seit der Finanzkrise auf einen Mengentender mit Vollzuteilung umgestellt. In 2011/12 hat sie zudem mit längerfristigen Krediten über 3-5 Jahre dem privaten Bankensektor mehr Reserven zur Verfügung gestellt, um den Zusammenbruch des Interbankenmarktes zu kompensieren und den Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems der Euro-Zone zu verhindern. Wenn nicht genügend Reserven im System sind und sich die Banken untereinander keine Kredite mehr geben, würde dies dazu führen, dass Überweisungen nicht mehr getätigt werden können, das Zahlungssystem also zum Erliegen kommt.

Abbildung 15: TARGET2-Salden im Euro-Raum (in Mio. Euro)
Quelle: Eurocrisismonitor.com (Universität Osnabrück)

Abbildung 15 zeigt die Entwicklung der monatlichen TARGET2-Salden ausgewählter Länder seit 2001. Bis zur Finanzkrise haben die TARGET-Salden im Euro-Raum keine allzu bedeutende Rolle gespielt, da sich die Banken untereinander Kredite gewährt haben. Seit 2007 herrscht aber große Ungewissheit darüber, ob die Geschäftsbank eines anderen Landes noch kreditwürdig ist. Da man sich also keine Kredite im Interbankenmarkt gewährt, wird ein großer Teil des internationalen Zahlungsverkehrs inzwischen über die TARGET2-Salden abgewickelt. Länder, die mehr Überweisungen aus dem Ausland erhalten als umgekehrt, haben einen positiven TARGET2-Saldo. Daher haben Zentralbanken aus Ländern mit einem innereuropäischen Leistungsbilanzüberschuss, wie Deutschland oder Österreich, tendenziell ein Guthaben bei der EZB, während die Defizitländer tendenziell Verbindlichkeiten aufweisen. TARGET2-Salden reflektieren vermutlich zu einem großen Teil den Anteil der Leistungsbilanzüberschüsse, der nicht mehr über die Kredite im Privatsektor abgedeckt wird, sondern über das TARGET2-System der EZB.

Dass die geldpolitische Aktion der EZB in 2011/12 gerade in Deutschland hoch umstritten war, zeigt alleine schon die Bezeichnung der deutschen Medien. Die sogenannte “Dicke Berta” ist ein deutsches Geschütz aus dem ersten Weltkrieg, welches Namensgeber für die längerfristige Kreditvergabe wurde. Viele deutsche Ökonomen und Kommentatoren fürchteten einen enormen Anstieg der Inflationsrate, weil die “Geldschwemme” die Wirtschaft früher oder später überhitzen würde. Als nach Ablauf der 3-5 Jahre die Kredite der Banken wieder zurückgezahlt wurden und die Reserven wieder vernichtet waren, wurde deutlich weniger berichtet. Skandale und negative Aussichten lassen sich offensichtlich besser verkaufen als die Berichterstattung über eine gelungene Rettung des europäischen Finanzsystems (von dem gerade exportstarke Nationen wie Deutschland profitieren).

Zudem können die TARGET2 Salden auch in Teilen die Folge einer Kapitalflucht aus den Peripherieländern nach Deutschland sein. Wenn ein spanischer Kunde sein Geld von einer spanischen Bank auf sein Konto bei einer deutschen Bank überweist oder ein deutsches Wertpapier kauft, entsteht ebenfalls ein Saldo im TARGET2-System. Seit März 2015 hat die EZB die Landeszentralbanken zudem aufgefordert, im großen Umfang einheimische Staatsanleihen aufzukaufen. Da viele Investoren, die europäische Staatsanleihen halten, ihr Konto in Deutschland führen, kommt es so zu vermehrten Überweisungen auf deutsche Geschäftsbanken.

Auch wenn die Bedeutung der TARGET-Salden unter Ökonomen umstritten ist, so sind sich die meisten zumindest darin einig, dass sie Zeichen eines instabilen Finanzsystems in der EU sind, weil sie zum Ausdruck bringen, dass sich die Banken untereinander nicht mehr vertrauen.

MERKE
  • Steuern und Staatsanleihen entziehen dem privaten Bankensektor Reserven.
  • Eine Finanzierung staatlicher Ausgaben über die Zentralbank führt zu sinkenden Zinsen im Interbankenmarkt.
  • Direkte und indirekte monetäre Staatsfinanzierung sind aus buchungs-technischer Sicht identisch.
Übungsaufgaben/Quizzes

Literatur

EHNTS, D. (2016). Geld und Kredit – eine €-päische Perspektive, Metropolis, 2nd ed.

 

Grundlagen moderner Geldpolitik II

Nachdem wir die grundsätzlichen Zusammenhänge zwischen Geschäfts- und Zentralbanken verstanden haben, wird es in diesem zweiten Abschnitt zur Geldpolitik zunächst um die Instrumente einer Zentralbank gehen, die sie verwendet, um den angepeilten Zinssatz im Interbankenmarkt auch durchzusetzen. Da sich dieser Zinssatz auch auf den Zins auswirkt, den die Banken für Kredite an den Privatsektor verlangen, beeinflusst die Zentralbank so den Preis für Kredite. Sie tut dies um die Inflationsrate zu stabilisieren. Steigt diese in einem Aufschwung zu stark an, soll eine Zinserhöhung die Kreditaufnahme verteuern und somit die Investitionen  reduzieren. Dies soll die Wirtschaft abkühlen und so den Preisanstieg dämpfen. Fällt die Inflation hingegen unter das gewünschte Zielniveau, soll eine Zinssenkung die Investitionen anregen, um so die Wirtschaft aus der Krise zu führen.

Moderne Zentralbanken ähneln sich in der praktischen Ausgestaltung ihrer Geldpolitik.  Im Folgenden werden daher exemplarisch die geldpolitischen Instrumente der Europäischen Zentralbank (EZB) skizziert, welche ein Inflationsziel von knapp unter, aber nahe bei 2 % verfolgt. Andere Zentralbanken besitzen aber ähnliche Instrumente, weshalb die Analyse durchaus übertragen werden kann.1 Viele der hier verwendeten Beispiele sind abermals dem Lehrbuch von Dirk Ehnts (2016) entnommen.

Die wichtigsten geldpolitischen Instrumente der EZB, die ihr erlauben, Einfluss auf die Zinsen im Geschäftsbankensektor zu nehmen, sind in Tabelle 5 zusammengefasst. Die bereits erwähnte Mindestreserve sowie die sogenannte Eigenkapitalquote der Banken sind Vorgaben, die nur sehr selten verändert werden und daher nicht zum Alltagsgeschäft der Zentralbanken gehören. Daher sind sie in der Tabelle nicht aufgeführt.

Tabelle 5: Überblick regelmäßig genutzter geldpolitischer Instrumente

\begin{tabular}{L{7cm}L{7cm}} \toprule \multicolumn{1}{c}{\textbf{OFFENMARKTGESCHÄFTE}}& \multicolumn{1}{c}{\textbf{STÄNDIGE FAZILITÄTEN}}\\ \multicolumn{1}{c}{\textbf{(Initiative geht von der Zentralbank aus)}} & \multicolumn{1}{c}{\textbf{(Initiative geht von der Bank aus)}}\\ \midrule Hauptrefinanzierungsgeschäfte &Spitzenrefinanzierungsfazilität\\ Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte&Einlagefazilität\\ Feinsteuerungsoperationen&\\ Strukturelle Operationen&\\ \bottomrule \end{tabular}

Mindestreserven gelten landläufig als wichtiges regulierendes Instrument der Zentralbanken, weil man damit die Geldschöpfung im privaten Bankensektor begrenzen könne. Dies basiert aber auf der falschen Vorstellung über den Geldschöpfungsprozess, die man aus der Theorie des Bankenmultiplikators ableitet. Dieser Theorie folgend benötigt eine Geschäftsbank zunächst einmal Reserven der Zentralbank, um hiermit zusätzliche Kredite zu schöpfen. In der Realität ist die Kausalität aber ganz anders: Banken vergeben zunächst Kredite, schaffen so Einlagen und kümmern sich erst danach um die Beschaffung der notwendigen Reserven. Dies geschieht über den Interbankenmarkt oder über die Zentralbank, die ihr jederzeit die notwendigen Reserven zur Verfügung stellt, solange Sicherheiten ausreichender Bonität vorhanden sind. Da Banken sogar die erste Tranche eines Kredites als Sicherheit hinterlegen können, stellt die Mindestreservehaltung offensichtlich kein Mittel zur Begrenzung der Geldschöpfung dar. Viele Länder haben die Mindestreserve daher bereits abgeschafft. Bevor wir die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener geldpolitischer Maßnahmen analysieren, werden die folgenden Abschnitte zunächst die unterschiedlichen Instrumente grob skizzieren.

Geldpolitische Instrumente I: Offenmarktpolitik

Die sogenannten Offenmarktgeschäfte stellen die wichtigsten Instrumente aus Sicht der Zentralbank dar, die Banken mit Reserven zu versorgen. Bei den Offenmarktgeschäften geht die Initiative der Maßnahme von der Zentralbank aus, die so die Geschäftsbanken entweder mit Zentralbankgeld versorgt oder ihnen Zentralbankgeld entziehen möchte:

  • Hauptrefinanzierungsgeschäfte (HRG; englisch: Main Refinancing Operation, MRO): wöchentliches Offenmarktgeschäft mit einwöchiger Laufzeit. Banken leihen sich Zentralbankgeld gegen Hinterlegung von Sicherheiten zum Hauptrefinanzierungszinssatz, auch Leitzins, (englisch main refinancing rate) der EZB. Gilt als wichtigstes Instrument (daher auch Haupttender genannt).
  • Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte (LRG; englisch: longer-term refinancing operation, LTRO), auch längerfristige Offenmarktgeschäfte: Die so genannten Basistender werden einmal monatlich mit dreimonatiger Laufzeit durchgeführt. LTROs können aber auch unregelmäßig angewendet werden, wie zum Beispiel 2011/12, als mit der sogenannten “dicken Bertha” im großen Volumen Liquidität zum Hauptrefinanzierungszinssatz mit einer Laufzeit von mehreren Jahren geschaffen wurde. Grund dafür war eine Vertrauenskrise im Interbankenmarkt, wodurch sich die Banken untereinander kein Geld mehr geliehen haben. Die lange Laufzeit der LTROs soll den Fristenunterschied zwischen den Laufzeiten von Verbindlichkeiten und Forderungen der Banken verringern. In der Regel haben Banken langfristige Forderungen (Kredite an den Privatsektor), denen sehr kurzfristige Verbindlichkeiten (z.B. in Form von Sichteinlagen) gegenüberstehen. Reserven stellen aus Sicht der Banken kurzfristige Forderungen (Guthaben) dar, die jederzeit für den Zahlungsverkehr zur Verfügung stehen.
  • Feinsteuerungsoperationen: Unregelmäßige, nicht standardisierte Operationen, die dazu dienen, kurzfristige und unerwartete Schwankungen der Bankenliquidität zu vermeiden (z.B. kurzfristige Kreditvergabe, Ankauf von Termineinlagen oder zeitlich befristeter Ankauf von Devisen (Devisenswap)).
  • Strukturelle Operationen: Unregelmäßige, nicht standardisierte Operationen, die den langfristigen Bedarf nach Zentralbankgeld sichern sollen, um die Wirksamkeit der geldpolitischen Maßnahmen zu sichern. Dies kann zum Beispiel durch Verkauf von Schuldverschreibungen gegen Zentralbankgeld erreicht werden, da so die Menge an Zentralbankgeld im Bankensektor dauerhaft gesenkt wird und die Geschäftsbanken wieder mehr Bedarf haben, sich bei der Zentralbank Reserven zu leihen.

Zeitlich befristete Kredite der Zentralbank werden in der Eurozone als repurchase agreement (repo) vergeben. In diesem Fall wird das Eigentumsrecht für die Sicherheit für die Laufzeit des Kredites der Zentralbank übertragen und die Bank verpflichtet sich, sie zu einem vorher festgelegten Preis zurückzukaufen. Der Preis setzt sich aus dem Wert der Sicherheit und dem entsprechenden Zins zusammen. Bei einer strukturellen Operation können Wertpapiere auch endgültig (“outright”) gekauft werden. Die wichtigsten Offenmarktgeschäfte sind eindeutig die Hauptrefinanzierungs- sowie die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte.

Offenmarktgeschäfte werden i.d.R. als Versteigerungsverfahren durchgeführt und nur selten als bilaterales Geschäft. Haupt- und Basistender sind standardisiert und werden daher auch Standardtender genannt (Abwicklung innerhalb weniger Tage). Feinsteuerungsoperationen werden dagegen Schnelltender genannt, da die Geschäftsabwicklung innerhalb von 90 Minuten erfolgt.2 Seit der Finanzkrise wendet die EZB ein Verfahren mit vollständiger Zuteilung an, um den Liquiditätsproblemen seit der Euro-Krise entgegenzuwirken. Derzeit wird in der Eurozone also auch über die Offenmarktgeschäfte jede Höhe von Reserven bereit gestellt, solange genügend Sicherheiten von ausreichender Bonität vorhanden sind.

Geldpolitische Instrumente II: Ständige Fazilitäten

Eine Fazilität (lateinisch facilitas = ‘Leichtigkeit’) ist im engeren Sinne eine Kreditmöglichkeit. Die EZB räumt den Geschäftsbanken die Möglichkeit ein, sich bis zum nächsten Geschäftstag entweder Reserven zu leihen (Spitzenrefinanzierungsfazilität, englisch marginal lending facility) oder zu verleihen (Einlagefazilität, englisch deposit facility). Der Spitzenrefinanzierungszinssatz ist höher und der Einlagzinssatz niedriger  als der Hauptrefinanzierungszinssatz. Wie wir in Kürze sehen werden, bilden diese Zinsen einen Korridor für den Interbankenzins. Fazilitäten gehören zu den Instrumenten, bei denen die Initiative vom privaten Bankensektor ausgeht. Banken können bis zu einer halben Stunde nach Schließung des Interbankenmarktes Reserven von der Zentralbank gegen Hinterlegung von Sicherheiten bekommen oder überschüssige Reserven bei der Zentralbank parken. Überschüsse auf dem Reservenkonto werden dann zum Einlagesatz verzinst.

Wieso ist es aber überhaupt möglich, dass die Banken Reserven von der Zentralbank benötigen, wo sich empfangene und getätigte Überweisungen doch immer zu Null addieren müssen? Die im Markt befindlichen Reserven wurden zum Teil über Kredite der Zentralbank geschaffen. Laufen diese aus, brauchen Banken Reserven, um ihre Schuld bei der Zentralbank zurückzuzahlen. Sind nicht genügend Reserven im Markt, um auslaufende Kredite zu begleichen, werden einige Banken darauf bestehen, ihren Saldo in Reserven gezahlt zu bekommen und keinen Zahlungsaufschub per Kredit gewähren, da sie sich andernfalls neue Reserven bei der Zentralbank leihen müssen, um ihre alte Schuld zu begleichen. Sind nicht genügend Reserven im Markt, werden einige Banken gezwungen sein, sich einen neuen Kredit bei der Zentralbank zu nehmen, um entweder ihren Saldo im Interbankenmarkt auszugleichen oder aber ihre alten Schulden bei der Zentralbank zu begleichen.

Schauen wir uns den Vorgang des Zahlungsausgleichs im Interbankenmarkt noch einmal genauer an. Schöpft eine Bank Giralgeld über einen Kredit, so entstehen Einlagen in gleicher Höhe. Werden diese Einlagen nun abgehoben oder überwiesen, so erleidet die Bank einen entsprechenden Abfluss von Reserven. Gehen wir von 2 Banken mit folgenden Bilanzen aus (wie diese entstanden sein mögen ist für dieses Beispiel von keiner Bedeutung):

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{3 cm}R{0.8cm}|p{3cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{3 cm}R{0.8cm}|p{3cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Nun tätigen Kunden von Bank 1 Überweisungen auf Konten der Kunden von Bank 2 und umgekehrt. Am Ende des Geschäftstages entsteht ein Saldo in Höhe von 50 Euro den Bank 1 an Bank 2 überweisen muss. Für den Zahlungsausgleich zwischen den beiden Banken benötigt Bank 1 nun Reserven auf ihrem Konto bei der Zentralbank, damit diese auf dem Zentralbankkonto von Bank 2 gutgeschrieben werden können. Bank 1 könnte sich hierzu über Nacht zum Spitzenrefinanzierungszinssatz Reserven bei der Zentralbank leihen. Nehmen wir an, der Spitzenrefinanzierungszinssatz beträgt 1 %. Die Bilanzen der Banken ändern sich entsprechend:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 100\\ Reserven&50&Kredit (ZB, 1\%) & 50 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Durch den Zahlungsausgleich werden die Reserven von Bank 1 um 50 € vermindert und die von Bank 2 um 50 € erhöht. Die Bilanzen sehen nach diesem Vorgang wie folgt aus:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 50\\ \sout{Reserven}&\sout{50}&Kredit (ZB, 1\%) & 50 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 150\\ Reserven (0,2\%)&50&& \end{tabular} \end{tabular}

Nehmen wir an, Bank 2 benötigt die zusätzlichen Reserven nicht, um Überweisungen an andere Banken zu tätigen. Die Überschussreserven werden dann lediglich mit der Einlagefazilität auf dem Reservenkonto der Zentralbank verzinst. Diese wird deutlich unter dem Spitzenrefinanzierungszinssatz liegen. Wir gehen davon aus, dass der Zins der Einlagefazilität 0,2 % beträgt.

Dadurch, dass sich die Überweisungen zwischen den beiden Beispielbanken nicht zu Null addieren, hat Bank 2 nun also einen Reserveüberschuss, der auf ihrem Reservenkonto gelagert und mit 0,2 % verzinst wird. Durch die Zinsdifferenz zwischen Spitzenrefinanzierungs- und Einlagezins entsteht eine Option, von der beide Banken profitieren könnten. Bank 1 könnte sich nämlich zu einem Zinssatz, der zwischen 0,2 % und 1 % liegt, die Reserven von Bank 2 leihen. In diesem Fall würden sich beide Banken besser stellen, da Bank 1 nun weniger als den Spitzenrefinanzierungszinssatz zahlt und Bank 2 mehr als den Einlagezins erhält. Nehmen wir an, die Banken einigen sich auf einen Zinssatz von 0,5 % (das ist der sogenannte Interbankenzins, daher mit IB gekennzeichnet). Gewähren die Banken sich einen Kredit sehen die Bilanzen wie folgt aus:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 50\\ &&Kredit (IB, 0,5\%) & 50 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite & 100 & Einlagen & 150\\ Kredit (IB, 0,5\%)&50&& \end{tabular} \end{tabular}

Da sich die Salden zwischen den Banken immer zu Null addieren müssen, wäre es also theoretisch möglich, dass Banken den Zahlungsverkehr vollständig ohne zusätzlichen Reservenbedarf unter sich regeln. Tatsächlich ist der Zahlungsausgleich über gegenseitige Kreditvergabe nach Gründung der EZB anteilsmäßig angestiegen. In der Regel findet eine solche Kreditvergabe innerhalb eines gewissen Rahmens zwischen solventen Banken automatisch statt. Als Sicherheiten für die Kredite werden meistens Wertpapiere hinterlegt. Erst wenn dieser Kreditrahmen ausgeschöpft ist, wird eine längerfristige Lösung angestrebt.

Sollten die Überweisungen zwischen den Geschäftsbanken sehr asymmetrisch verteilt sein, werden die Salden, die man ausgleichen muss, sehr groß werden. Der Reservebedarf hängt daher von der Varianz der Überweisungen zwischen den Banken ab. Ist dieser im Vergleich zum Bestand im Interbankenmarkt hoch, wird die Kreditvergabe zwischen den Banken stark ansteigen müssen, wenn keine Bank zusätzliche Reserven von der Zentralbank leihen will. Da bei steigender Kreditvergabe auch das Risiko steigt, dass diese nicht zurückgezahlt werden können, und das Vertrauen gegenüber den Banken sinkt, die sich viele Reserven borgen, werden sich die Geschäftsbanken dieses Risiko über einen höheren Zinssatz bezahlen lassen. Weil Reserven knapp sind, steigt der Preis für Kredite im Interbankenmarkt.

Da Banken sich zudem jederzeit Reserven gegen Vorlage von genügenden Sicherheiten ausreichender Bonität zum Spitzenrefinanzierungszinssatz bei der Zentralbank leihen können, bildet dieser die Obergrenze für den Zinssatz im Interbankenmarkt. Keine Bank würde sich Reserven im Interbankenmarkt leihen, wenn sie diese bei der Zentralbank günstiger bekommen würde. Aus den selben Gründen bildet der Einlagezinssatz die Untergrenze für Kredite auf dem Interbankenmarkt, weil keine Bank einen Reserveüberschuss zu einem geringeren Zins verleihen würde als ihr die EZB bietet.

Die Zinssätze für Spitzenrefinanzierungs- und Einlagefazilität bilden daher einen Korridor für den Zins im Interbankenmarkt. Abbildung 13 verdeutlicht dies und zeigt die Entwicklung der drei Zinssätze sowie den Tagesgeldzinssatz im Interbankenmarkt. Letzerer wird durch den sogenannten Euro Overnight Index Average (EONIA) dargestellt. Dieser Zinssatz ist ein berechneter Durchschnittssatz, der auf Basis tatsächlicher Kredite im Übernachtgeschäft von 30 Banken ermittelt wird.3 Wie wir sehen, liegt der Hauptrefinanzierungssatz der EZB zwischen Spitzenrefinanzierungs- und Einlagezinssatz. Der Tagesgeldzins (auf dem Interbankenmarkt) liegt ebenfalls zwischen diesen beiden Sätzen und schwankt um den Hauptrefinanzierungszinssatz. Da die EZB in ihren wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften den Banken Geld zum Hauptrefinanzierungszinssatz leiht, ist es nicht verwunderlich, dass der Interbankenzins sich in der Nähe dieses Zinssatzes bewegt.

Abbildung 13: Zinssätze am Interbankenmarkt
Anmerkung: Für den Tagesgeldzinssatz wurde ein monatliches Mittel des EONIA gebildet. Quelle: Bundesbank.

Sollten Reserven im Interbankenmarkt knapp sein, werden Banken die Zinsen für Übernachtkredite verteuern. Weil die Zentralbank aber eine Zinssteuerung verfolgt und der Tagesgeldzinssatz nun von ihrer Zielrate abweicht, wird die EZB zusätzliche Reserven in den privaten Bankensektor bringen wollen, damit der Zinssatz wieder auf das gewünschte Niveau sinkt. Die Zentralbank könnte dies zum Beispiel erreichen, indem sie die Zuteilung der Reserven in ihren Tenderverfahren entsprechend erhöht. Da sich Banken mit negativem Saldo nun wieder Reserven zum günstigeren Zins bei der EZB leihen können, wird die Reservemenge im Interbankenmarkt ansteigen, die Anzahl der Kredite zwischen den Banken auf dem Interbankenmarkt zurück gehen und die Banken werden ihre Zinsen für Übernachtkredite wieder senken.

Wir sehen, dass die EZB nach Ausbruch der Finanzkrise in 2008 begonnen hat, alle drei Zinssätze zu senken, um Kredite günstiger zu machen und so die Investitionen anzuregen. Aber wieso fällt der Interbankenzins zu dieser Zeit auf die untere Grenze des Einlagenzinssatzes? Banken bekamen Angst, dass ihre Geschäftspartner aufgrund der Finanzkrise die Übernachtkredite nicht mehr zurückzahlen würden und haben ihre Überschussreserven lieber auf dem Konto der Zentralbank zum Einlagezins geparkt. Damit Banken nicht in Liquiditätsprobleme kommen, hat die EZB dann in sehr großen Mengen Reserven in den Interbankenmarkt gebracht, um eine Liquiditätskrise zu verhindern und die Stabilität des Bankensystems zu sichern. Seit der Finanzkrise werden Mengentender mit voller Zuteilung verwendet. Das bedeutet, dass Banken sich wöchentlich unbegrenzt Reserven zum Hauptrefinanzierungszinssatz leihen können. Dies haben Banken seit der Finanzkrise vielfach genutzt. Um den Interbankenmarkt zu umgehen, leiht man sich die Reserven von der Zentralbank, die man dann als Vorrat auf den Reservekonten hält. Die Zentralbank hat so zeitweise den Interbankenmarkt ersetzt und der Reserveüberschuss hat den Tagesgeldzinssatz an die Untergrenze gedrückt. Dies ist besonders deutlich, nachdem in 2011/12 die Zentralbank mit längerfristigen Refinanzierungsgeschäften im großen Volumen die Liquidität im Bankensektor erhöht hat. Da Reserven nun im Überfluss vorhanden sind, sinkt der Preis für Reserven auf den Einlagezins.

Seit dem 11. Juni 2014 ist die Einlagefazilität negativ und der Hauptrefinanzierungssatz beträgt seit dem 16. März 2016 Null Prozent. Banken können sich also unbegrenzt mit Liquidität versorgen, ohne dafür einen Zins zahlen zu müssen, sie zahlen aber eine Art Strafe, wenn sie überschüssige Reserven horten. Mit dieser Maßnahme versucht die EZB zuallererst, den Zinssatz langfristiger Wertpapiere zu drücken, um langfristige Investitionen attraktiver zu machen. Die Argumentation, Banken würden hierdurch mehr Kredite vergeben, weil sie andernfalls einen Strafzins auf Reserven zahlen müssen, ist hingegen fragwürdig. Zur Kreditvergabe braucht es ja auch einen willigen und kreditwürdigen Kreditnehmer. Die höheren Kosten der Banken könnten auch zu steigenden Zinsen führen, die sogar einen negativen Effekt auf die Kreditnachfrage hätten.

Wettbewerb im Bankensektor, Kreditgewährung im Gleichschritt und die Nachfrage nach Ersparnissen

Eine offensichtliche Frage, die sich nach dem vorangegangenen Abschnitt stellt, ist die Frage nach der Beschränkung der Kreditschöpfung im privaten Bankensektor. Banken können jederzeit über Nacht unbegrenzt Reserven bekommen und die Zentralbank interveniert, sobald der Zins von ihrem Zielwert abweicht. Wenn selbst die Mindestreserve offensichtlich keinen besonders disziplinierenden Einfluss auf die Kreditvergabe hat, könnte man geneigt sein zu glauben, dass Banken immerfort Kredite im Überfluss schaffen werden. Zunächst einmal sei daran erinnert, dass eine Bank nur in dem Umfang Reserven von der Zentralbank leihen kann, wie sie Sicherheiten ausreichender Bonität vorweisen kann. Banken, die einen großen Teil schlechter Kredite in ihren Bilanzen haben, können sich eben nicht mehr problemlos bei der Zentralbank mit Reserven versorgen. Zudem muss auch eine Nachfrage nach Krediten vorhanden sein, um sie zu schöpfen.

Schauen wir uns noch einmal ein Beispiel an. Eine Bank schöpft einen Kredit von 100 €, der von einem Unternehmen zur Begleichung einer Rechnung auf das Konto einer anderen Bank überwiesen wird. Die Bank hat sich bereits über die Offenmarktoperationen der Zentralbank mit Reserven zum aktuell gültigen Zinssatz von 1 % versorgt. Welchen Zins sollte die Geschäftsbank für den Kredit wählen? Bei der Kreditvergabe entstehen in gleicher Höhe zu verzinsende Einlagen. Zudem muss die Bank für die Reserven, die zur Überweisung der geschöpften Einlagen notwendig wären, 1 % als Zins zahlen. Sie wird daher einen höheren Zins verlangen, um keine Verluste zu machen, wenn der Kunde seine Einlagen verwendet. Die Differenz zwischen dem Kreditzins der Geschäftsbank und dem Zins für Kredite der Zentralbank (bzw. auf die Einlagen der Kunden) beeinflusst die Gewinnspanne der Bank. Da Banken in Konkurrenz zueinander stehen, kann die Bank aber auch keine allzu hohen Zinsen nehmen, weil der Kunde ansonsten den Kredit ggf. bei einer anderen Bank nimmt und ihr der Gewinn vollständig abhanden kommt. Nehmen wir an, die Bank verlangt einen Aufschlag von 2 %, um ihre Kosten zu decken und einen hinreichenden Gewinn zu erzielen, der das Einkommen der Mitarbeiter und Anteilseigner darstellt. Der Kreditzins beträgt dann 3 %.4

Was wird nun passieren, wenn die Zentralbank ihren Leitzins anhebt, sagen wir auf 5 %? Wenn die Kredite bei der Zentralbank auslaufen, müssen die Geschäftsbanken selbige erneuern oder sich Liquidität im Interbankenmarkt leihen, solange sich die Positionen auf der Aktivseite ihrer Bilanz nicht ändern. Die Zentralbank steuert aber den Interbankenzins und wird mit ihren geldpolitischen Instrumenten dem Bankensektor gerade soviel Reserven entzogen haben, dass dieser nun ebenfalls 5 % entspricht. Die Bank wird für den Kredit jetzt mehr als 5 % nehmen müssen, um weiterhin einen Gewinn zu erwirtschaften. Legen wir wieder die 2 % Gewinnaufschlag zu Grunde, so beträgt der Kreditzins nun 7 %. Vermutlich wird dies dazu führen, dass die Nachfrage nach Krediten zurückgeht. Wenn die Banken aber keine Interessenten für Kredite mehr finden, können sie auch keine zusätzlichen Kredite schöpfen. Durch die Zinssteuerung beeinflusst die Zentralbank also die Kreditnachfrage und somit auch das Kreditangebot.

Ein weiterer disziplinierender Faktor ist die Tatsache, dass mit zunehmender Kreditvergabe das Risiko eines Kreditausfalls steigt. Eine Bank weiß, dass grundsätzlich ein Teil ihrer Kredite nicht zurückbezahlt wird, und berücksichtigt dies in ihrem Gewinnaufschlag. Wenn dieser Anteil bei höherer Kreditmenge steigt, muss auch der Gewinnaufschlag steigen, wenn die Bank ihren Gewinn halten möchte. Ein solcher Anstieg wird sich ebenfalls negativ auf die Kreditnachfrage auswirken. Daher wird die Bank ihre Kreditvergabe nicht unbedacht ausweiten.

Die Konkurrenz im Bankensektor hat einen weiteren disziplinierenden Effekt. Sollte eine einzelne Bank nämlich deutlich mehr Kredite vergeben als andere, so braucht diese Bank in der Regel auch mehr Reserven. Die Kredite werden vermutlich verwendet, um Rechnungen von Geschäftspartnern mit Konten bei anderen Banken zu begleichen. Wenn eine Bank mehr Kredite schöpft als andere, ist zu erwarten, dass sie mehr Überweisungen zu anderen Banken tätigt als sie von anderen Banken erhält. Da diese Bank sich nun mehr Reserven leihen muss, sind ihre Zinskosten höher als die der Konkurrenten. Die Bank müsste dies bei ihrer Kreditvergabe berücksichtigen und einen höheren Gewinnaufschlag verlangen als andere. Dies wird sogar noch verstärkt, wenn die höhere Kreditvergabe für sich genommen schon zu einem Risikoaufschlag führt. Der Wettbewerbsnachteil gegenüber den Konkurrenten, der hierdurch entsteht, ist selbstverständlich nicht im Interesse der Bank. Bei Refinanzierung über den Interbankenmarkt würden zudem die Kosten der anderen Banken sinken, da sie über Kredite an diese Bank zusätzliche Zinseinnahmen erzielen.

Es entsteht durch den Wettbewerb also ein gewisser Anreiz, Kredite im ähnlichen Umfang zu schöpfen. Man nennt dies auch eine Kreditschöpfung im Gleichschritt. Aus Tabelle 4 konnten wir entnehmen, dass es keinen vorher festgelegten Zusammenhang zwischen Reserven und Einlagenmenge gibt. Der Bedarf nach Reserven richtet sich vielmehr danach, wie unterschiedlich die Zu- und Abflüsse der Einlagen sind, also an den auszugleichenden Salden. Sollten alle Banken gleichzeitig gleich viel Kredit schöpfen und die Kunden der Banken in exakt gleicher Höhe Überweisungen auf Konten anderer Banken tätigen wie von Kunden anderer Banken Überweisungen eingehen, so entstehen keine Salden und somit auch kein Bedarf nach zusätzlichen Reserven. Lediglich eine ggf. vorgegebene Mindestreserve würde einen zusätzlichen Bedarf erzeugen. Da Mindestreservesätze sich aber im unteren Prozentbereich bewegen (oder bereits ganz abgeschafft wurden), ist dieser gering.

Ein völliger Gleichschritt ist natürlich höchst unwahrscheinlich. Wenn während einer Spekulationsblase aber alle Banken dazu neigen, ihre Kreditvergabe auszuweiten, weil die Ansichten überoptimistisch sind, können die auszugleichenden Salden und damit der zusätzliche Reservebedarf trotz immenser Kreditausweitung sehr gering sein. Eine Zinserhöhung der Zentralbank hat in diesem Fall nur eine schwache Auswirkung, weil nur wenige Reserven benötigt werden und die Mindestreserve von vielen Zentralbanken ja sogar noch zum Hauptrefinanzierungszinssatz verzinst wird.5

Die bisherigen Ausführungen haben alle gezeigt, dass Ersparnisse aus dem Privatsektor bei der Kreditschöpfung überhaupt keine Rolle spielen. Warum wollen Banken dann überhaupt Ersparnisse, wenn diese nicht weiterverliehen werden können?6 Banken versuchen zum Teil mit Lockangeboten wie Gutscheinen oder Bargeld Kunden von anderen Banken abzuwerben. Wozu der Aufwand, wenn man Ersparnisse gar nicht benötigt?

Der Grund ist ganz einfach: Werden Konten einer Bank aufgelöst und bei einer anderen Bank eröffnet, müssen die Einlagen überwiesen werden. Dies kann eine Bank in Schwierigkeiten bringen, wenn sie nicht genügend Reserven hat, um ggf. einen Saldo auszugleichen. Zudem würden bei der Überweisung die Reserven auf dem Zentralbankkonto der Empfängerbank erhöht werden. Anstatt zusätzliche Reserven bei der Zentralbank zum Hauptrefinanzierungszinssatz zu leihen, bekommt man so zusätzliche Reserven zum geringeren Zins für Kundeneinlagen. Eine Bank, die Kundeneinlagen von anderen Banken abwirbt, erlangt also einen Vorteil gegenüber den anderen Banken. Da Banken in Konkurrenz zueinander stehen, werden alle Banken versuchen, einen möglichst großen Vorteil gegenüber den anderen zu erlangen.

MERKE
  • Die Versorgung des privaten Bankensystems mit Reserven erfolgt über Offenmarktgeschäfte (Initiative geht von der Zentralbank aus) oder ständige Fazilitäten (Initiative geht von der Geschäftsbank aus).
  • Geschäftsbanken können sich (gegen die Vorlage einer Sicherheit ausreichender Bonität) jederzeit Reserven über Nacht bei der Zentralbank leihen.
  • Die Mindestreserve spielt eine untergeordnete Rolle und liegt in vielen Ländern derzeit bei Null Prozent.
  • Der Hauptrefinanzierungszinssatz (Leitzins) ist der Zinssatz für die wöchentlichen Offenmarktgeschäfte der Zentralbank.
  • Die Zinssätze der Zentralbank für Spitzenrefinanzierungs- und Einlagefazilität bilden einen Korridor für den Zinssatz im Interbankenmarkt.
Übungsaufgaben/Quizzes

Literatur

DE GRAUWE, P. (2012). Economics of Monetary Union, Oxford University Press.
EHNTS, D. (2016). Geld und Kredit – eine €-päische Perspektive, Metropolis, 2nd ed.

 

Grundlagen moderner Geldpolitik I

Ein modernes zwei-stufiges Geldsystem besteht aus Geschäftsbanken, die Buchgeld schöpfen können, und einer Zentralbank, die Reserven schöpfen kann. Nicht-Ökonomen unterliegen häufig der falschen Vorstellung, ein solches System hätte man zunächst gedanklich entwickelt und dann umgesetzt. In Wirklichkeit ist es aber so, dass sich dieses System zunächst entwickelt hat, bevor man begonnen hat, selbiges zu analysieren und zu verstehen. Nach den schlechten Erfahrungen mit einem rein privaten Geldsystem, in dem jede Geschäftsbank ihre eigenen Banknoten ausgibt, von denen niemand im Vorfeld sagen kann, in welchem Tauschverhältnis man die Noten einer Bank mit denen einer anderen tauschen sollte, entstanden im 18. Jahrhundert die ersten Zentralbanken. Zentralbanken sind so was wie die Banken der Geschäftsbanken, da sie diese mit Zentralbankreserven versorgen. Diese Reserven werden von Geschäftsbanken vor allem deswegen benötigt, um den Zahlungsausgleich zwischen unterschiedlichen Geschäftsbanken zu bewerkstelligen. Wie der Zusammenhang zwischen Zentral- und Geschäftsbanken im Detail aussieht, wird Bestandteil dieses Abschnitts sein. Eine ausführlichere Abhandlung, die sich für Einsteiger eignet, findet sich zudem in dem Buch von Dirk Ehnts (2016).

Über die Entwicklung moderner Zentralbankpolitik

Die Theorie moderner Zentralbankpolitik geht auf die Werke von Thornton (1802), Bagehot (1898) und Wicksell (1898) zurück. Ulrich Bindseil, Generaldirektor für Marktgeschäfte der Europäischen Zentralbank (EZB), beschreibt in Bindseil (2014) die Entwicklung der Geldpolitik seit dem 19. Jahrhundert. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, eine Zentralbank würde die Geldmenge bestimmen, haben bereits vor 1914 Zentralbanken den Zins und nicht die Geldmenge gesteuert. Da Geschäftsbanken Giralgeld bei einer Kreditvergabe aus dem Nichts schöpfen und die Menge an Einlagen durch die Nachfrage nach Krediten bestimmt wird, kann die Zentralbank eine vollständige Kontrolle der Geldmenge in einem modernen Geldsystem auch gar nicht durchsetzen.

In der Zeit nach 1914 wurde die Geldpolitik der meisten Zentralbanken dennoch offiziell als Geldmengensteuerung bezeichnet und von der sogenannten „Reserve Position Doctrine“ geprägt. Diese ging im Sinne der Monetaristen, einer ökonomischen Denkschule, davon aus, dass Inflation immer als ein monetäres Phänomen zu begreifen sei. Um die Inflation zu kontrollieren, bedürfe es daher einer Steuerung des Zentralbankgeldes (der sogenannte Reserven). Würde man aber tatsächlich die Geldmenge steuern, würde dies zu stark schwankenden Zinssätzen führen, wie wir im Abschnitt zum Interbankenmarkt noch lernen werden. Dies wäre für das Investitionsklima einer Volkswirtschaft fatal, weil Unternehmen unter diesen Umständen nicht einmal in der Lage wären, einzuschätzen, wie hoch die Kosten für eine Kreditaufnahme in der nahen Zukunft seien werden. Aus diesen Gründen haben Zentralbanken ihre Vorgaben für die Entwicklung der Geldmenge i.d.R. auch verfehlt. Heutzutage hat sich die Zinssteuerung auch offiziell durchgesetzt: Eine Zentralbank glättet den Zins im sogenannten Interbankenmarkt und stellt jederzeit genügend Reserven zur Verfügung, um diesen Zinssatz durchzusetzen.1

Auch der sogenannte Geldschöpfungsmultiplikator, der einen konstanten Zusammenhang zwischen Reserven der Zentralbank und Giralgeld der Geschäftsbanken unterstellt und viele Jahrzehnte lang die Standarddarstellung der Geldschöpfung in nahezu jedem makroökonomischen Lehrbuch repräsentierte, entspricht keiner realistischen Darstellung. Der Geldschöpfungsmultiplikator geht letztlich davon aus, dass Banken zunächst Einlagen oder Reserven benötigen, um einen Kredit zu vergeben. So entstand der Mythos, dass Banken Ersparnisse verleihen würden, ein Ding der Unmöglichkeit, weil die Einlagen ihrer Kunden für eine Bank ja eine Verbindlichkeit darstellen. Banken würden eine Mindestreserve der Einlagen ihrer Kunden halten und den Rest weiter verleihen und so die Giralgeldmenge vervielfachen. Merkwürdigerweise gibt es in vielen Ländern inzwischen gar keine Mindestreserve mehr, so dass nach dieser Theorie die Giralgeldmenge unendlich steigen müsste.

Moderne Zentralbanken steuern den Interbankenzins. Das Angebot der Reserven wird so angepasst, dass der Zinssatz auf dem Interbankenmarkt der Zielvorstellung entspricht. Aufgrund der nach wie vor irreführenden Darstellung des Geldschöpfungsprozesses in nahezu allen makroökonomischen Einführungslehrbüchern, begannen die Zentralbanken selbst mit verstärkter Transparenz und Kommunikation, den Geldschöpfungsprozess korrekt darzustellen. So wundert es auch nicht, dass sowohl die englische Zentralbank, die Bank of England (BoE), als auch die Bundesbank in Berichten zum monetären Transmissionsprozess einen mechanischen Zusammenhang zwischen Giralgeldmenge und Zentralbankgeld abstreiten und die Rolle der Geschäftsbanken bei der Schaffung von Giralgeld betonen: Den Monatsbericht der Bundesbank von April 2017 zu diesem Thema findet man hier, das BoE-Papier hier.2

“(…)rather than banks lending out deposits that are placed with them, the act of lending creates deposits – the reverse of the sequence typically described in textbooks.”
“Anstatt die von den Banken hinterlegten Einlagen auszuleihen, werden durch die Kreditvergabe Einlagen geschaffen – das Gegenteil von dem, was normalerweise in Lehrbüchern beschrieben wird.” McLeay et al. (2014, S.2).

Kredite, Einlagen, Reserven und Bargeld: Ein einführendes Beispiel

Woran es liegt, dass der Geldschöpfungsmultiplikator nicht konstant ist und die Zentralbank die Geldbasis nicht kontrollieren kann, soll im Folgenden erklärt werden. Beginnen werden wir mit der Bedeutung von Reserven. Banken benötigen Reserven aus drei Gründen:

  • Kunden könnten ihr Geld abheben wollen, um Bargeld zu halten. Daher haben Banken i.d.R. eine gewisse Summe Bargeld in ihrer Filiale. Da Reserven jederzeit bei der Zentralbank in Bargeld umgetauscht werden können, lohnt es sich, zusätzlich einen gewissen Bestand Reserven zu halten, um plötzliche unerwartet hohe Bargeldwünsche der Kunden bedienen zu können.
  • Banken sind verpflichtet, eine Mindestreserve in Abhängigkeit ihrer Einlagen in Form von Zentralbankgeld zu halten. Dies soll verhindern, dass bei hohen Bargeldabflüssen ein Geldinstitut sofort in Liquiditätsengpässe gerät.
  • Banken benötigen Reserven für den Zahlungsausgleich mit anderen Geschäftsbanken. Bei der Überweisung von einer Bank zu einer anderen müssen im Prinzip auch Reserven in Höhe der Überweisung “mitgeliefert” werden. Durch die Vielzahl von Überweisungen zwischen Banken wird zu Geschäftsschluss aber immer nur ein kleiner Teil der gesamten Überweisungssumme wirklich benötigt. Das System zwischen Zentralbanken und Geschäftsbanken gleicht einem “Clearing-House”, welches den Zahlungsverkehr zwischen den vielen verschiedenen Geschäftsbanken vereinfacht (mehr hierzu im nächsten Abschnitt).

Von diesen drei Gründen ist der erste quantitativ so unbedeutend, dass wir im Folgenden nur beiläufig auf ihn eingehen werden. In der Fundierung des Bankenmultiplikators spielt die Mindestreserve eine derart wichtige Rolle, dass man geneigt ist, zu glauben, dies sei das wichtigste Instrument der Zentralbank, um die Geschäftsbanken von einer übermäßigen Kreditvergabe abzuhalten. Schließlich kann eine Bank nur Kredite vergeben, sofern die Zentralbank ihr Reserven in ausreichender Höhe zur Verfügung stellt. Wie erklärt man sich dann aber, dass in einigen Ländern (Schweden, UK, Neuseeland) die Mindestreserve derzeit Null Prozent beträgt? Müssten Banken gemäß der Theorie des Geldmultiplikators dann nicht eine unendliche Kreditmenge schöpfen? Tatsächlich stellt die gesetzlich vorgeschriebene Eigenkapitalquote eine wirksamere Begrenzung der Kreditvergabe dar, auch wenn sie ebenfalls nicht als Allheilmittel angesehen werden kann. Die Mindestreserve hingegen ist von untergeordneter Bedeutung, da Banken sich jederzeit über Nacht Reserven von der Zentralbank leihen können, sofern sie über genügende Sicherheiten in Form von z.B. Wertpapieren verfügen. Der bedeutendste Grund dafür, dass Banken Reserven brauchen, ist der Zahlungsausgleich zwischen Banken im Interbankenmarkt.

Bevor wir auf die Details der geldpolitischen Operationen der Zentralbank zu sprechen kommen, soll zunächst veranschaulicht werden, wie Kredit, Einlagen, Reserven und Bargeld entstehen. Wir verzichten aus didaktischen Gründen auf die Berücksichtigung von Mindestreserven, Zinsen und allem anderen, was einem leichten Einstieg im Wege steht. Zudem verzichten wir auf eine Währungseinheit wie € oder $ in den Bilanzdarstellungen, um diese kompakt zu halten. Nehmen wir an, eine Bank will einen Kredit an ein Unternehmen vergeben. Hierzu schreibt die Bank dem Unternehmer die Kreditsumme von 100 € als Einlagen auf seinem Unternehmerkonto gut. Die Einlagen werden durch die Eingabe der Kreditsumme in die Bilanzen der Geschäftsbank aus dem Nichts geschaffen. Die Bilanzen von Bank und Unternehmen sehen dann wie folgt aus:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Unt.) & 100 &Einlagen &100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Unternehmen}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen &100 &Kredite (Bank) &100 \end{tabular} \end{tabular}

Eine seriös geführte Bank wird im Vorfeld natürlich die Kreditwürdigkeit des Unternehmens geprüft haben. Banken sind profitorientierte Unternehmen und erleiden Verluste, wenn Kredite nicht zurückgezahlt werden. Sie haben daher kein Interesse, Kredite im Überfluss zu schöpfen. Sollte das Unternehmen den Kredit verwenden, um eine Rechnung bei einer anderen Bank zu begleichen oder das Geld in Bar abheben, benötigt die Geschäftsbank Reserven, um diese Transaktionen durchzuführen. Nehmen wir an, das Unternehmen möchte die Hälfte der Sichteinlagen in Bar abheben. Sollte die Geschäftsbank nicht genügend Bargeld vorrätig haben, muss sie nun Reserven bei der Zentralbank in Bargeld umtauschen. In unserem Beispiel hat die Geschäftsbank aber zunächst gar keine Reserven, die sie in Bargeld umtauschen könnte. Sie muss also zunächst einen Kredit bei der Zentralbank aufnehmen. Nehmen wir an, die Bank leiht sich Reserven im Wert von 100  €, um einen Vorrat anzulegen:

\begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Bank) & 100 & Reserven & 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Unt.) & 100 &Einlagen &100\\ Reserven & 100 &Kredite (ZB) &100 \end{tabular} \end{tabular}

Um einen Kredit zu bekommen, muss die Geschäftsbank eine Sicherheit hinterlegen. Dies könnte in unserem Beispiel der Kredit an das Unternehmen sein, ein Wertpapier oder eine vergleichbare Forderung. Vergleichbar mit der Giralgeldschöpfung im Geschäftsbanksektor schafft die Zentralbank durch eine doppelte Buchung in ihren Bilanzen die notwendigen Reserven aus dem Nichts. Reserven sind daher eine rein virtuelle Größe. Die Banken halten zur Erfassung ihrer Reservenguthaben ein virtuelles Konto bei der Zentralbank. Die Reserven stellen quasi die Einlagen der Banken auf diesem Konto dar. Die Zentralbank ist somit die Bank der Geschäftbanken. Die Zentralbank vergibt einen Kredit, der aus ihrer Sicht eine Forderung gegen die Bank darstellt. Die Reserven, die sie der Bank dafür gutschreibt, stellen aus Sicht der Zentralbank Verbindlichkeiten dar. Die Bank kann die Reserven nämlich zur Begleichung ihres Kredites verwenden (oder in Bargeld ausbezahlen lassen). Aus Sicht der Bank ist es genau umgekehrt: Der Kredit ist eine Verbindlichkeit gegenüber der Zentralbank und die Reserven sind Guthaben in Form einer Forderung gegenüber der Zentralbank. Die Forderung besteht wiederum darin, dass die Bank die Reserven bei der Zentralbank zur Begleichung ihres Kredites verwenden (oder jederzeit in Bargeld umtauschen) kann.

Nehmen wir nun an, die Bank möchte einen Teil der Reserven in Bargeld tauschen. Hierzu wird ein spezialisiertes Transportunternehmen beauftragt, Bargeld von einer Zentralbankfiliale in die Geschäftsbank zu liefern. Gleichzeitig werden die Reservegutschriften auf dem Zentralbankkonto der Geschäftsbank um diesen Betrag vermindert.3 Da das Bargeld jederzeit auch wieder in Reserven umgetauscht werden kann, stellt es weiterhin aus Sicht der Bank eine Forderung und aus Sicht der Zentralbank eine Verbindlichkeit dar. Die Gesamtsumme auf der Passivseite der Zentralbank, die das gesamte Zentralbankgeld repräsentiert, setzt sich nun also aus den Reserven der Bank und dem vorhandenen Bargeld zusammen:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Bank) & 100 & Reserven & 50\\ & & Bargeld & 50\\ \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Unt.) & 100 &Einlagen &100\\ Reserven & 50 &Kredite (ZB) &100\\ Bargeld & 50 && \end{tabular} \end{tabular}

Wenn in unserem Beispiel das Unternehmen seine Einlagen abhebt, werden die Einlagen in Bargeld umgetauscht. Aus Sicht des Unternehmens ist dies ein reiner Aktivtausch, weil sich lediglich die Zusammensetzung der Aktiva ändert. In der Bilanz der Bank kommt es durch die Abhebung zu einer Bilanzverkürzung, da sich sowohl die Forderungen als auch die Verbindlichkeiten verringern. Dies ist in den folgenden Bilanzen dargestellt:

\begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Unt.) & 100 &Einlagen &50\\ Reserven & 50 &Kredite (ZB) &100\\ \sout{Bargeld} & \sout{50} & & \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Unternehmen}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen &50 &Kredite &100\\ Bargeld & 50 & & \end{tabular} \end{tabular}

Nun hält das Unternehmen eine Forderung gegenüber der Zentralbank in Form von Bargeld. In Zeiten des Goldstandards bedeutete dies, dass man das Geld jederzeit zu einem festgelegten Kurs in Goldmünzen tauschen konnte. Da Geld inzwischen aber durch nichts mehr gedeckt ist, besteht die Forderung nur noch aus dem Versprechen, einen Geldschein im Wert von 100 € gegen einen Geldschein im Wert von 100 € zu tauschen. Da es sich beim Bargeld aber um das gesetzlich akzeptierte Zahlungsmittel handelt, kann man mit ihm Rechnungen für Waren und Dienstleistungen im entsprechendem Wert begleichen. Es handelt sich um einen Schuldschein der Zentralbank, den man im täglichen Zahlungsverkehr im Austausch gegen Waren und Dienstleistungen herumreichen kann.4

Sollte das Unternehmen das Bargeld wieder einzahlen, um einen Teil seines Kredites zu tilgen, werden zunächst seine Einlagen bei der Bank um 50 € steigen und bei der Rückzahlung vernichtet werden:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Unt.) & 50 &Einlagen &50\\ Reserven & 50 &Kredite (ZB) &100\\ Bargeld & 50 & & \\ \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Unternehmen}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen &50 &Kredite &50\\ \sout{Bargeld} & \sout{50} & & \end{tabular} \end{tabular}

So wie im Geschäftsbanksektor bei Rückzahlung des Kredites das Giralgeld (die Einlagen) wieder verschwindet, so verschwinden auch die Reserven bei Rückzahlung des Zentralbankkredites:

 \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline \sout{Kredite (Bank)} & \sout{100} & \sout{Reserven} & \sout{100} \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite (Unt.) & 50 &Einlagen &50\\ \sout{Reserven} & \sout{100} &\sout{Kredite (ZB)} &\sout{100} \end{tabular} \end{tabular}

Auch wenn es sich um ein sehr einfaches Beispiel handelt, so kann man bereits einige Eigenschaften kreditbasierter Geldsysteme klar erkennen: Kredite schaffen Einlagen und Kreditrückzahlung vernichtet Einlagen. Zudem ist eine Ersparnis für die Vergabe eines Kredites nicht notwendig. Die Einlagen werden bei der Kreditvergabe durch die doppelte Buchführung automatisch erzeugt. Auch bei Einführung einer Mindestreserve bräuchte die Bank im Vorfeld keine Ersparnisse privater Haushalte, sondern müsste sich ggf. im Nachhinein fehlende Reserven bei der Zentralbank borgen. Bei Vorlage ausreichender Sicherheiten wird eine Zentralbank diese immer zur Verfügung stellen, da andernfalls ein reibungsloser Zahlungsverkehr zwischen Banken nicht mehr gewährleistet wäre. Ob eine Sicherheit gut genug ist, hängt vom Rating der Ratingagenturen ab. Die Mindestanforderungen an das Rating sind während der Finanzkrise deutlich gesenkt worden, da andernfalls der gesamte Bankensektor nicht genügend Sicherheiten ausgewiesen hätte, um sich mit Liquidität zu versorgen.5 Da Banken Reserven für den Zahlungsausgleich mit anderen Banken benötigen, musste die EZB handeln, wenn sie nicht einen Zusammenbruch des gesamten Zahlungsverkehrs riskieren wollte. Diese Entscheidung ist dennoch bis heute umstritten, da einige Ökonomen befürchten, die EZB könnte hohe Verluste erleiden, wenn Banken ihre Kredite nicht zurückzahlen können und die Sicherheiten im Wert verlieren. Andere wiederum sind der Auffassung, dass dies in dieser besonderen Situation unvermeidbar gewesen wäre. Zudem könne eine Zentralbank auch mit einem negativen Saldo in der Bilanz fortbestehen. Schließlich sind Reserven rein virtuell und die Zentralbank ist nicht verpflichtet, den Saldo jemals auszugleichen.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, soll an dieser Stelle deutlich darauf hingewiesen werden, dass Banken, die keine ausreichenden Sicherheiten mit genügend hoher Bonität vorweisen können, in Liquiditätsengpässe kommen können, da sie keine Reserven mehr bei der Zentralbank bekommen. Eine Zentralbank muss letztlich abwägen, ob eine Senkung der Mindestanforderungen notwendig erscheint, weil der gesamte Bankensektor ansonsten in Gefahr gerät. Sie wird dies aber nicht in Erwägung ziehen bei Liquiditätsproblemen einzelner Banken oder regionaler Bankenkrisen, die nicht das Finanzsystem als Ganzes gefährden. Daher sollte man nicht davon ausgehen, dass eine Bank in einem modernen Geldsystem niemals Pleite gehen könnte, weil ihr immer mit Reserven ausgeholfen wird. Sinkt die Eigenkapitalquote unter die gesetzlich vorgegebene Prozentzahl, weil ein großer Teil der Kredite nicht zurückbezahlt wird und deswegen die Aktivseite der Bankbilanz schrumpft, so muss die Finanzaufsicht die Zahlungsunfähigkeit feststellen. Dies war zum Beispiel am 31. Oktober 2009 bei der isländischen Kaupthing Bank der Fall.

Einführung in den Interbankenmarkt: Das “Clearing System”

Wenn ein Kunde einer Bank einem Kunden einer anderen Bank Geld überweist, dann verliert die eine Bank Einlagen, welche die andere bekommt. Zum Ausgleich der Bilanzen müssen entweder Reserven überwiesen werden oder die Banken gewähren sich gegenseitig einen Kredit. Für Überweisungen von Reserven im Interbankenmarkt besitzt jede Geschäftsbank ein Reservenkonto bei der Zentralbank (die Bankleitzahl ist die Kontonummer der Geschäftsbank bei der Zentralbank). So gesehen sind Reserven Guthaben der Geschäftsbanken auf ihren Konten bei der Zentralbank. Sie sind nichts weiter als Buchungssätze im System zwischen Zentralbank und Geschäftsbankensektor. Die überweisende Bank verzeichnet einen “Abfluss von Reserven”, was nichts weiter bedeutet, als dass die Gutschriften auf ihrem Zentralbankkonto vermindert werden. Die andere Bank verzeichnet einen “Zufluss von Reserven”, was wiederum nichts weiter bedeutet, als dass ihre Gutschriften bei der Zentralbank um den entsprechenden Betrag erhöht werden. Abfluss und Zufluss können den falschen Eindruck erwecken, dass ein physischer Austausch stattfinden würde. In Wirklichkeit werden in den Bilanzen lediglich ein paar Nummern geändert. Wir wollen uns dies an folgendem Beispiel verdeutlichen.

Gehen wir vereinfachend davon aus, dass 2 Kunden ihre Konten bei unterschiedlichen Banken führen, und dort Einlagen in Höhe von 100 bzw. 50 aufweisen. Des Weiteren haben die Banken in exakt gleicher Höhe Reserven auf ihrem Zentralbankkonto, die sie sich zuvor bei der Zentralbank geliehen haben. In der Ausgangssituation könnten die Konten von Kunde 1 und Kunde 2 bei ihren entsprechenden Banken sowie das Zentralbankkonto wie folgt aussehen:6

\begin{tabular}{p{6cm}R{1.5cm}|p{6cm}R{1.5cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite an Bankensektor & 150 \euro& Reserven: &\\ && ~~- Reservenkonto Bank 1 & 100 \\ & & ~~- Reservenkonto Bank 2 & 50 \end{tabular} \\ {~} \\ {~} \\ \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100 & Einlagen K1& 100\\ Kredite (Unt.) & 100 & Kredite (ZB)& 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Kunde 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen B1 & 100 & Nettovermögen & 100 \end{tabular} \\ {~} \\ {~} \\ \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 50 & Einlagen K2 & 50\\ Kredite (Unt.) & 50 & Kredite (ZB)& 50 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Kunde 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen B2 & 50 & Nettovermögen & 50 \end{tabular} \end{tabular}

Nun weist Kunde 1 seine Bank an, eine Überweisung von 50 auf das Konto von Kunde 2 bei Bank 2 zu tätigen. Es werden die Einlagen von Kunde 1 bei Bank 1 reduziert und die von Kunde 2 bei Bank 2 entsprechend erhöht. Damit die Bilanzen wieder ausgeglichen sind, werden auch die Reservenguthaben auf den Zentralbankkonten der Geschäftsbanken entsprechend geändert:

\begin{tabular}{p{6cm}R{1.5cm}|p{6cm}R{1.5cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Zentralbank}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Kredite an Bankensektor & 150 \euro& Reserven: &\\ && ~~- Reservenkonto Bank 1 & 50 \\ & & ~~- Reservenkonto Bank 2 & 100 \end{tabular} \\ {~} \\ {~} \\ \begin{tabular}{cc} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 50 & Einlagen K1& 50\\ Kredite (Unt.) & 100 & Kredite (ZB)& 100 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Kunde 1}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen B1 & 50 & Nettovermögen & 50 \end{tabular} \\ {~} \\ {~} \\ \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Bank 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Reserven & 100 & Einlagen K2 & 100\\ Kredite (Unt.) & 50 & Kredite (ZB)& 50 \end{tabular} {~~} \begin{tabular}[t]{p{2.9 cm}R{0.8cm}|p{2.9cm}R{0.8cm}} \multicolumn{4}{c}{\textbf{A}\hfill\textbf{Kunde 2}\hfill\textbf{P}}\\ \hline Einlagen B2 & 100 & Nettovermögen & 100 \end{tabular} \end{tabular}

Bank 1 hat in den Bilanzen immer noch einen Kredit der Zentralbank von 100 € stehen, hat aber nur noch 50 € auf ihrem Reservenkonto. Bei Bank 2 ist es umgekehrt. Während eines Geschäftstages werden zwischen unterschiedlichen Banken eine Vielzahl von Überweisungen in beide Richtungen getätigt. Würde man dies bilateral ausgleichen wollen, müsste man eine ebenso große Vielzahl von Umbuchungen auf den Reservekonten der Geschäftsbanken vornehmen. Um dies zu vereinfachen, werden in den Zentralbankkonten lediglich die Salden der Überweisungen umgebucht.

In Tabelle 4 ist dies anhand von 4 Banken dargestellt. Der Eintrag in der i-ten Zeile und j ten Spalte der Tabelle zeigt die Höhe der Überweisung von der Bank aus Zeile i an die Bank aus Spalte j. Bank 2 tätigt zum Beispiel Überweisungen in Höhe von 40 an Bank 3 und erhält Überweisungen in Höhe von 50 von Bank 3. Im Saldo verliert Bank 2 an diesem Geschäftstag Einlagen in Höhe von 15 (letzte Spalte). Die Gutschriften auf dem Reservekonto der Zentralbank werden dementsprechend um 15 vermindert. Für jede Bank ergibt sich so ein Saldo, der dann über das Reservenkonto bei der Zentralbank abgerechnet wird. Bei einem positiven Saldo erhält die Bank den Betrag in Form von zusätzlichen Reserven gutgeschrieben, bei einem negativen Saldo wird der entsprechende Betrag abgezogen. Ohne ein solches Abwicklungskonto müssten alle Banken ihre bilateralen Salden untereinander durch Überweisung von Reserven ausgleichen. Insgesamt wurden in dem Beispiel Überweisungen im Wert von 320 € getätigt, aber nur Reserven im Wert von 30 € umgebucht.

Tabelle 4: Berechnung des Clearing Saldos zwischen 4 Geschäftsbanken

 \begin{tabular}{C{1.8cm}|C{1.8cm}C{1.8cm}C{1.8cm}C{1.8cm}|C{1.8cm}|C{1.8cm}} \addlinespace \toprule ~ & \textbf{Bank 1} & \textbf{Bank 2} & \textbf{Bank 3} & \textbf{Bank 4} & $\sum$ & \textbf{Saldo} \\ \midrule \textbf{Bank 1} & & 15 & 20 & 20 & 55 & 5 \\ \textbf{Bank 2} & 30 & & 40 & 35 & 105 & -15 \\ \textbf{Bank 3} & 20 & 50 & & 30 & 100 & -15 \\ \textbf{Bank 4} & 10 & 25 & 25 & & 60 & 25 \\ \midrule $\sum$ \unboldmath{} & 60 & 90 & 85 & 85 & 320 & 0 \\ \bottomrule \multicolumn{7}{L{16cm}}{\footnotesize{\textbf{Erklärung:} Der Eintrag in der $i-$ten Zeile und $j-$ ten Spalte der Tabelle zeigt die Höhe der Überweisung von der Bank aus Zeile $i$ an die Bank aus Spalte $j$. Bank 2 tätigt zum Beispiel Überweisungen in Höhe von 30 an Bank 1 und erhält Überweisungen in Höhe von 15 von Bank 1.}} \end{tabular}

Quelle: Lavoie (2014).

Wir können der Tabelle entnehmen, dass sich die Summe der Salden immer zu Null addieren muss: Der Nettoabfluss einer Bank entspricht in der Summe immer dem Nettozufluss aller anderen Banken. Dies bedeutet nicht, dass diese Überweisungen immer problemlos durchgeführt werden können. Hat Bank 2 beispielsweise keine Reserven in Höhe von 15 auf ihrem Reservenkonto bei der Zentralbank, so muss sie sich die notwendigen Reserven borgen.

Sollte eine Bank nicht genügend Reserven besitzen, um bei Geschäftsschluss einen negativen Saldo auszugleichen, kann sie sich neue Reserven über Nacht von der Zentralbank oder auf dem Interbankenmarkt von einer der Banken mit positiven Saldo leihen. Solche Kredite werden mit einer Laufzeit von wenigen Tagen bis wenigen Monaten vergeben. Aber könnte eine Geschäftsbank nicht einfach einen Kredit schöpfen, um ihre Schuld gegenüber der Zentralbank zu tilgen? Nein. Hier kommt die Trennung zwischen Inside und Outside Money, also Reserven und Giralgeld, zum Tragen. Die Zentralbank akzeptiert zur Bezahlung der Reserveschuld nur das von ihr selbst geschaffene Zentralbankgeld. Geschäftsbanken können aber nur Buchgeld schöpfen und keine Reserven.

Nehmen wir zum Beispiel an, Bank 2 hat gar keine Reserveguthaben mehr. Es gibt nun 2 Möglichkeiten, dieses Problem zu lösen:

    • Die Bank leiht sich zusätzliche Reserven von der Zentralbank. Hierzu wird von der Zentralbank ein Kredit vergeben und ein Zins verlangt.
    • Bank 2 könnte von einer Bank mit positiven Saldo (z.B. Bank 4) einen Kredit in Höhe von 15 aufnehmen. Die Zahlung der Reserven im Zusammenhang mit den Überweisungen von Bank 2 an Bank 4 würde dann in Höhe von 15 aufgeschoben werden. Statt zusätzlicher Reserven über einen Kredit bei der ZB entsteht ein Kredit gegenüber Bank 4. Der Saldo von Bank 2 wäre dann ausgeglichen. Sie leiht sich in diesem Fall die fehlenden Reserven von Bank 4 statt von der Zentralbank.

Bei der zweiten Möglichkeit würde Bank 4 natürlich ebenfalls einen Zins verlangen. Dies ist der sogenannte Interbankenzins, zu dem sich Banken untereinander Kredite geben. Im Normalfall wird dies ganz automatisch gemacht. Bevor es zu Umbuchungen auf den Zentralbankkonten kommt, wird zunächst ein Kredit gewährt, damit die Überweisung durchgeführt werden kann. Da zwischen den Geschäftsbanken tagtäglich sehr viele Überweisungen getätigt werden, wird i.d.R. ein Kreditrahmen festgelegt, innerhalb dessen ausstehende Kredite mit dem Interbankenzins verzinst werden.

In dem hier gewählten Beispiel führt die Kreditgewährung zwischen den Banken dazu, dass eine Umbuchung der Reserven nicht mehr stattfindet. Die Reserveguthaben von Bank 2 werden also nicht verändert. Die Kreditvergabe führt implizit dazu, dass eine Bank der anderen Reserven gegen einen Zins leiht. Langfristig werden die Banken sich auf dem Interbankenmarkt Liquidität von anderen Banken oder Fonds etc. besorgen und ggf. längerfristige Kreditbeziehungen eingehen.

Durch Festlegung des Zinses, zu dem man bei der Zentralbank Reserven leihen kann, nimmt die Zentralbank Einfluss auf den Interbankenzins. Keine Bank würde zum Beispiel einen Kredit von einer anderen Bank aufnehmen, wenn sie sich zu einem günstigeren Zins bei der Zentralbank verschulden kann. Umgekehrt würde sich niemand Reserven bei der Zentralbank leihen, wenn der Zins hierfür über dem Zins für Kredite im Interbankenmarkt liegt. Wie die Zentralbank dies im Detail bewerkstelligt und welche Instrumente sie benutzt, um den Zins im Interbankenmarkt zu steuern, wird der nun folgende Abschnitt tiefer behandeln.

MERKE
  • Wenn sich der Privatsektor bei einer Bank verschuldet, entsteht Giralgeld. Es wird vernichtet, wenn der Privatsektor einen Bankkredit zurückzahlt.
  • Auf dem Interbankenmarkt können sich Geschäftsbanken (und institutionelle Anleger) kurzfristig gegenseitig Reserven leihen.
  • Durch das “Clearing” auf dem Interbankenmarkt müssen lediglich die mulitlateralen Salden ausgeglichen werden und nicht jeder bilaterale Saldo.
  • Banken können sich auch gegenseitig Kredit gewähren, um die Überweisung von Reserven zu umgehen.
Übungsaufgaben/Quizzes

Literatur

BAGEHOT, W. (1898). Lombard Street: A Description of the Money Market, London: Henry S. King & Co.
BINDSEIL, U. (2014). Monetary Policy Operations and the Financial System, Oxford University Press.
EHNTS, D. (2016). Geld und Kredit – eine €-päische Perspektive, Metropolis, 2nd ed.
KALDOR, N. (1970). “The new monetarism,” Lloyds Bank Review, 1–17.
KALDOR, N. (1982). The Scourge of Monetarism, Oxford: Oxford University Press.
LAVOIE, M. (2014). Post-Keynesian Economics – New Foundations, Edward Elgar Publishing.
MCLEAY, M., A. RADIA, UND R. THOMAS (2014). “Money creation in the modern economy,” Bank of England Quarterly Bulletin, 54, 14–27.
MOORE, B. (1988). Horizontalists and Verticalists: The Macroeconomics of Credit Money, Cambridge University Press.
THORNTON, H. (1802). An Enquiry Into the Nature and Effects of the Paper Credit of Great Britain, J. Hatchard.
WICKSELL, K. (1898). Geldzins und Güterpreise: Eine Studie über die den Tauschwert des Geldes bestimmenden Ursachen, Jena: Fischer.
WERNER, R. A. (2014). “Can banks individually create money out of nothing? – The theories and the empirical evidence,” International Review of Financial Analysis, 36, 1–19.

 

Einführung

Spätestens mit der globalen  Finanzkrise wurde das Interesse an der Funktionsweise unseres Geldsystems auch in der breiten Öffentlichkeit geweckt. Für den Laien ist es kaum nachvollziehbar, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte. Allerdings ist auch innerhalb der ökonomischen Zunft nach Platzen der amerikanischen Immobilienblase deutlich geworden, dass man die fundamentalen Zusammenhängen einer Geldwirtschaft allzu lange vernachlässigt hatte. Was-ist-Geld.de hat sich zum Ziel gesetzt, diese grundsätzlichen Zusammenhänge möglichst einfach aufzubereiten. um einen niedrigschwelligen Einstieg auch für Laien zu ermöglichen. Hierzu stehen Ihnen sieben “Module” zur Verfügung, die aufeinander aufgebaut sind. Am Ende jedes Moduls gibt es einige Quizzes, mit denen Sie das Gelernte überprüfen können. Bevor es losgeht, soll im Folgenden zunächst der Aufbau dieses Blogs erläutert werden.

Aufbau

“Geld” kann je nach Blickwinkel bzw. Art der Fragestellung verschiedene Formen annehmen.  Um Missverständnisse zu vermeiden, werden wir daher zunächst wichtige Begriffe im Zusammenhang mit Geld definieren müssen, da es für das Verständnis monetärer Beziehungen essentiell ist, sehr präzise mit eben jenen Begriffen umzugehen.  Der einführende Abschnitt beginnt daher zunächst mit den verschiedenen Formen sowie den definierenden Eigenschaften von Geld. Wir werden feststellen müssen, dass es nicht die eine wahre Gelddefinition gibt, sondern verschiedene Geldformen abhängig von der zu untersuchenden Fragestellung Vor- und Nachteile bieten.

Zudem ist es hilfreich, einige Grundlagen der Buchhaltung zu verstehen, da Geld letztlich auf dem Konzept der doppelten Buchführung basiert. Das zweite Modul (Buchführung) wird daher eben jene Grundlagen vermitteln, die für das Verständnis von Geld von Nöten sind. Um diese kurze Erläuterung nicht allzu trocken zu gestalten, werden diese Grundlagen direkt am Beispiel der Geldschöpfung  privater Banken erklärt.

Der dritte Teil (Geld und Vermögen) wird schließlich auf unwiderlegbare Zusammenhänge und typische Denkfehler hinweisen, die häufig enstehen, weil Begriffe rund um das Thema Geld (Brutto- und Nettogeldvermögen, Konsum und Ersparnis etc.) unpräzise verwendet werden. Diese Denkfehler stehen einem grundlegenden Verständnis des Geldsystems häufig im Weg.

Im vierten Modul dieses Blogs werden wir anhand der gesamtwirtschaftlichen Buchhaltung erklären, warum eine Geldvermögensbildung in einem Sektor einer Volkswirtschaft nur dann möglich ist, wenn alle anderen Sektoren sich in der Summe in exakt gleicher Höhe verschulden. Aus diesem unwiderlegbaren Zusammenhang werden wir die sogenannten “Finanzierungssalden” ableiten, die sehr anschaulich die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge einer Geldwirtschaft darstellen.

In den finalen drei Abschnitten (Geldpolitik I-III) wird dann eine kurze Einführung in die Funktionsweise einer Zentralbank erfolgen. Dies ist lediglich als Einstieg in die Materie gedacht und gewiss keine umfassende Abhandlung aller geldpolitischer Instrumente und ihrer Möglichkeiten sowie Grenzen.  Es sollen lediglich die wichtigsten Funktionen und Begriffe im Zusammenhang mit moderner Geldpolitik skizziert werden, um über die größten Denkfehler und Mythen in diesem Bereich aufzuklären.

Unter Links sind schließlich Links zu interesannten und weiterführenden Blogs zum Thema Geld zu finden.

Das Wesen des Geldes

Eine Einführung in die Funktionsweise von Geld beginnt i.d.R. mit der Tauschmittelfunktion. In einer reinen Tauschwirtschaft würden Waren gegen Waren getauscht werden. So kann ich als Dozent der Volkswirtschaftslehre meinem Bäcker einen Vortrag über die Funktionsweise des Geldsystems anbieten, wenn er mir im Gegenzug dafür Brötchen für den Rest des Monats liefert. Ist der Bäcker einverstanden, so kann der Tausch von statten gehen. Geld wird hierzu offensichtlich nicht benötigt.

Geld braucht es erst dann, wenn ein Tausch nicht abgeschlossen werden kann, weil die Beteiligten sich nicht auf einen Tausch von Waren einigen können. Dies wird offensichtlich eher die Regel als die Ausnahme sein. Für einen reinen Tausch bräuchte man nämlich eine Koinzidenz der Bedürfnisse („Coincidence of Wants“): Wenn 2 Personen miteinander tauschen, müsste die eine ein Gut verlangen, welches die andere im Überfluss besitzt, während diese wiederum etwas begehrt, was der ersten Person im Überfluss zur Verfügung steht. Diese Koinzidenz müsste zudem räumlich wie auch zeitlich gelten. Stellt eine Person Waren her, die nur im Sommer gefertigt werden, und eine andere Waren, die nur im Winter gefertigt werden, dann kann allein die zeitliche Differenz dazu führen, dass beide Personen keinen Tausch von Waren vollziehen können. Händler haben sich daher schon immer gegenseitig einen Zahlungsaufschub gewährt. Wird dieser Zahlungsaufschub in Form eines Schuldscheins notiert, kann unter gewissen Umständen (die wir weiter unten diskutieren) dieser Schuldschein zu einem allgemein akzeptierten Zahlungsmittel werden. Geld ist also ein Schuldverhältnis. Früher wurden solche Schuldscheine zum Markt gebracht,  um sie dort gegenseitig aufzurechnen.

Vermutlich wird der Bäcker im vorangegangenen Beispiel gar kein Interesse daran haben, einen Vortrag von mir zu hören. Er würde wohl eher dazu bereit sein, mir Brötchen zu liefern, wenn er mir dann nur nicht mehr zuhören müsste. Daher zahle ich seine Brötchen in Geldeinheiten, mit denen der Bäcker einer dritten Person Waren abkaufen kann, usw. In diesem Beispiel ist Geld also ein allgemein akzeptierter Schuldschein, den ich dem Bäcker überreiche und den dieser an Dritte weitergeben kann. Letztlich kann man alles als Geld verwenden, solange es als allgemeines Zahlungsmittel akzeptiert wird. Unter diesen Umständen kann der Bäcker mit meinem Schuldschein nämlich andere Schuldverhältnisse auflösen, also seine Rechnungen gegenüber Dritten begleichen. Die Voraussetzungen, die für diese Funktion erfüllt sein müssen, werden wir noch kennen lernen.

Es ist unbestreitbar, dass eine zeitliche und räumliche Koinzidenz i.d.R. nicht der Fall ist und eine Marktwirtschaft ohne Geld nicht funktionieren würde. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es eine reine Tauschwirtschaft nie gegeben hat. Nehmen wir an, es gäbe noch kein Geld, aber ich möchte trotzdem bei dem Bäcker einkaufen. Wenn der Bäcker mich kennt und mir vertraut, würde er mir vermutlich – vergleichbar mit den oben erwähnten Händlern – einen Zahlungsaufschub gewähren. Ich würde die Brötchen anschreiben können. Der Bäcker notiert also in Geldeinheiten, dass ich ihm etwas schuldig bin, das ich zu einem späteren Zeitpunkt liefere. Der Bäcker gibt mir in diesem Moment also einen Kredit.1 Auf diese Art und Weise haben Händler schon lange vor Einführung des heutigen Papier- und Buchgeldes Waren getauscht.

Zum Beispiel fungierten sogenannte Kerbhölzer bereits im 11. Jahrhundert als frühe Form der buchhalterischen Erfassung von Schuldverhältnissen. Kerbhölzer waren längliche Brettchen, auf denen man Symbole oder Kerben quer über das Stück einritzte. Das Stück wurde dann der Länge nach zerteilt und jede Partei erhielt eine Hälfte, damit niemand den eingeritzten Wert fälschen konnte. Der Schuldner erhielt i.d.R. das längere Stück, den sogenannten „Foil“, während der Gläubiger das kürzere Ende, den „Stock“ erhielt. Aus jener Zeit stammt das Sprichwort “etwas auf dem Kerbholz haben” sowie auch der Begriff der “Stock-Exchange”. Die englische Regierung nutzte im 18. Jahrhundert sogenannte “tally sticks”, um sich Gold und Silber von ihren Bürgern zu leihen. Da man mit diesen Kerbhölzern seine Steuern bezahlen konnte, wurden die tallies fortan als allgemeines Zahlungsmittel akzeptiert und repräsentierten eine Form von Geld.

Es lässt sich also vermuten, dass Märkte und Frühformen von (Buch-)Geld gleichzeitig entstanden, da ein Markt ohne Geld nicht vorstellbar ist. Eine reine Tauschwirtschaft hat es also vermutlich nie gegeben. Es liegt zudem die Vermutung nahe, dass es schon einfache Verrechnungssyteme gabe, bevor Edelmetalle, wie Gold und Silber, als Zahlungsmittel dienten. Die folgende Abbildung zeigt wie die damaligen Kerbölzer ausgesehen haben.

Abbildung 1: Kerbhölzer (Tally Sticks)
Quelle: Schweizer Alprechtshölzer: Doppeltessel der Alp Blümatt (Turtmann VS), 1893; Kollektion des Alpinen Museums der Schweiz; Photo by Sandstein.

Formen und Eigenschaften von Geld

Allein dieses historische Beispiel zeigt bereits anschaulich, dass Geld viele Formen annehmen kann. Eine eindeutige Definition von Geld wird heute noch schwieriger, da es eine Fülle von Vermögenswerten gibt, die in Geldeinheiten notiert sind und sich kurzfristig durch einen Verkauf „zu Geld machen lassen“. Hierzu zählen z.B. sogenannte geldnahe Forderungen gegenüber einer Geschäftsbank, die zwar nicht sofort verfügbar sind, aber in relativ kurzer Zeit gegen Einlagen getauscht werden können (z.B. Termineinlagen, Kündigungsgelder, Festgelder oder Sparguthaben mit gesetzlicher Kündigungsfrist). Je nachdem, welches ökonomische Problem man analysieren möchte, kann es angemessen sein, solche Forderungen oder auch Wertpapiere als Geld oder Quasi-Geld zu bezeichnen.

Auch die deutsche Zentralbank, die sich Bundesbank nennt, verwendet 3 unterschiedliche Gelddefinitionen (M1 – M3), die sich in ihrer “Liquiditätsnähe” unterscheiden, also darin, wie schnell man über sie verfügen kann. Dazu kommt noch die Geldbasis M0, das sogenannte Zentralbankgeld (auch als Reserven bezeichnet). Hierunter versteht man das Geld, welches nur von der Zentralbank herausgegeben werden kann und primär zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs im System der Geschäftsbanken (sogenannter Interbankenmarkt) verwendet wird. Die Bundesbank, weist auf ihrer Homepage auf die Schwierigkeiten der Geldmengendefinition hin:2

Da die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Einlagearten und kurzfristigen Finanzinstrumenten fließend sind, lässt sich die Geldmenge nicht eindeutig definieren. Letztlich hängt es beispielsweise von der Fragestellung einer Untersuchung ab, welche Einlagearten man zum Geld rechnet und welche nicht bzw. welche Geldmenge man in der Untersuchung verwendet. Vor diesem Hintergrund haben andere Länder ihre Geldmengen nach anderen Kriterien definiert, beispielsweise die Schweiz und die USA.

Tabelle 1 fasst die verschiedenen Geldmengenaggregate nach Definition der Bundesbank zusammen. Jede Zentralbank definiert ihre Geldmengenaggregate etwas anders, aber in den meisten Fällen sehr ähnlich. Es gilt grundsätzlich das Prinzip: Je höher die Nummer des Aggregats, desto breiter gefasst ist die Geldmenge, also desto längerfristigere Geldanlagen werden berücksichtigt. Ein weiteres Geldmengenaggregat, welches leider nur selten Verwendung findet, ist der sogenannte Divisia-Index von William Barnett (siehe z.B. Barnett und Spindt (1979)). Dieser basiert auf einer nach Nutzbarkeit gewichteten Summe verschiedener Geldformen und wird bisher nur von der Bank of England regelmäßig veröffentlicht.

Tabelle 1: Geldmengenaggregate der Bundesbank

 \renewcommand{\arraystretch}{1.7} \begin{tabular}{rp{12cm}} \hline \hline \textbf{M0}:& Geldbasis (Bargeldumlauf und Reserven)\\ \textbf{M1}:& Bargeldumlauf + Sichteinlagen in Banken \\ \textbf{M2}:& M1 + Spareinlagen mit einer Kündigungsfrist von bis zu drei Monaten und Termineinlagen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren.\\ \textbf{M3}:&M2 + weitere kurzfristige Geldanlagen (kurzfristige Bankschuldverschreibungen (mit einer Ursprungslaufzeit von bis zu zwei Jahren), von Geldmarktfonds ausgegebene Geldmarktfondsanteile sowie die sogenannten Repogesch\"afte).\\ \hline \hline \end{tabular}

Die Hierarchie des Geldes und die zwei Geldkreisläufe

Moderne Geldsysteme sind zweistufig aufgebaut. Sie bestehen aus einem Reserven- und einem Giralgeldkreislauf. Aus Sicht des Kunden einer Bank ist Giralgeld das, was man als Geld bezeichnet. Niemand würde in Frage stellen, dass das Guthaben auf einem Bankkonto Geld darstellt, weil wir es im täglichen Zahlungsverkehr verwenden und jederzeit Eins-zu-Eins in Bargeld tauschen können. Für den Banker hingegen stellen die Einlagen Verbindlichkeiten dar. Kunden können jederzeit eine Auszahlung verlangen und leihen der Bank ihr Geld, solange es auf dem Girokonto verbleibt.

Für den Zahlungsausgleich mit anderen Banken benötigt eine Bank hingegen Reserven, also Zentralbankgeld. Aus ihrer Sicht sind Reserven das “wahre” Geld, mit dem sie ihren Zahlungsverkehr abwickeln. In der Definition der größer gefassten Geldmengenaggregate aus Tabelle 1 werden auch längerfristige Termineinlagen, kurzfristige Bankschuldverschreibungen, Geldmarktfonds und Repo-Geschäfte als Geld gezählt. Dies sind z.T. auch Kreditverträge zwischen privaten Unternehmen. Zählt man weitere private Nicht-Banken-Finanzierung hinzu, wie Investmentfonds oder die Möglichkeit über Unternehmensanleihen Geld aufzunehmen etc., lässt sich eine Pyramide des Geldes konstruieren wie sie in Abbildung 2 zu sehen ist.

Abbildung 2: Geldpyramide (Pyramide der Verbindlichkeiten)
Quelle: Eigene Erstellung.

Für jede Geldform gilt, dass sie ein Versprechen darstellt, die Geldform der jeweils nächsthöheren Ebene zu bezahlen. Kredite sind Versprechen, zu einem späteren Zeitpunkt Einlagen zu zahlen. Einlagen sind Versprechen, zu einem späteren Zeitpunkt Bargeld, also Zentralbankgeld, zu zahlen. Und Zentralbankgeld war früher das Versprechen, zu einem späteren Zeitpunkt Gold zu zahlen. Gold war die einzige international anerkannte Währung, in der man Handel abrechnen konnte und stand in der Hierarchie des Geldes noch über dem Zentralbankgeld an der Spitze der Geldpyramide.3 Im Englischen spricht man häufig von der “moneyness”, also der “Geldigkeit”, wenn man die Hierarchie des Geldes beschreibt. Zentralbankreserven haben gemäß der Pyramide den höchsten Grad der moneyness (im Inland).

Eine weitere Eigenschaft der Geldhierarchie ist, dass die unteren Ebenen die jeweils höhere Art des Geldes vervielfachen. Ein Handelskredit, also ein Zahlungsaufschub von zum Beispiel 90 Tagen, ist ein Versprechen, in 90 Tagen Einlagen zu zahlen. Er benötigt aber zum Zeitpunkt der Kreditvergabe keine Einlagen. Der Kreditnehmer wird vielleicht einen Teil der Einlagen schon jetzt besitzen und erwartet bis zum Zahlungszeitpunkt ausreichende zusätzliche Einnahmen. Oder er geht davon aus, den Kredit “überrollen” zu können, also durch einen neuen Kredit zu ersetzen. So oder so ist die Kreditmenge gestiegen, ohne dass Einlagen benötigt wurden. Noch deutlicher wird dies am Beispiel einer Kreditkartenzahlung. Im Moment der Zahlung entstehen für eine Transaktion zwei Kreditverträge. Zum einen leiht die Kreditkartenfirma ihrem Kunden bis zum Monatsende den nötigen Betrag, um den Zahlungsvorgang abzuschließen. Zum anderen leiht der Verkäufer der Kreditkartenfirma den gleichen Betrag, da die Überweisung i.d.R. erst nach einigen Tagen erfolgt.

Die Geldpyramide ist zudem dynamisch zu verstehen. Die Kreditvergabe weitet sich i.d.R. in Boomphasen aus und schrumpft in Krisen (“Bust”) wieder.4 Die Zentralbank versucht mit ihrer Zinspolitik auf diesen dynamischen Prozess Einfluss zu nehmen. Eine Zinserhöhung in Boom-Phasen macht die Neuaufnahme von Krediten unattraktiver und soll so vor einer Kreditblase und steigenden Preisen schützen, während die Zinssenkung in Krisenzeiten nicht nur die Investitionen anregen soll, sondern auch die Refinanzierung von laufenden Krediten einfacher macht. Wenn ein Unternehmen seinen Zahlungsverpflichtungen zum vereinbarten Zeitpunkt nicht nachkommen kann, weil es in der Rezession weniger Einnahmen macht als erwartet, kann es seine kurzfristigen Liquiditätsprobleme durch einen günstigen Bankkredit in die Zukunft schieben, in der Hoffnung, dass sich die Lage bis dahin wieder bessert. Durch eine Zinssteuerung versucht die Zentralbank demnach, sowohl die Flexibilität dieses Systems zu gewährleisten (Banken können Kredite nach Bedarf schöpfen), als auch disziplinierend auf Banken zu wirken (indem sie ggf. die Zinsen für Kredite der Banken bei der Zentralbank erhöhen).

Die Zentralbank ist  so etwas wie die Bank der Geschäftsbanken und besitzt gesetzlich das Monopol auf die Emission einer Währung. Da Bargeld in Form von Münzen und Scheinen heute nur noch einen sehr geringen Teil der gesamten Geldmenge ausmacht, ist das Monopol auf die Schaffung der Reserven das wesentliche Merkmal einer Zentralbank. Reserven sind das offizielle Zahlungsmittel im Geldkreislauf zwischen Zentralbank und Geschäftsbankensektor. Der Privatsektor kann niemals mit Reserven bezahlen, da diese nur im Buchungssystem zwischen Zentralbank und den Geschäftsbanken getauscht werden. Reserven können von Banken aber jederzeit bei der Zentralbank gegen Bargeld getauscht werden. Bargeld stellt demnach die einzige Form von Zentralbankgeld dar, die auch im Privatsektor verwendet werden kann. Die beiden Geldkreisläufe sind in Abbldung 3 dargestellt.5

Abbildung 3: Geldkreisläufe
Quelle: Eigene Erstellung.

Da Reserven und Bargeld nur von der Zentralbank (und nicht vom Privatsektor) geschaffen werden, spricht man auch von “Outside Money” oder “Außengeld”. Es existiert aber ein zweiter Geldkreislauf zwischen (nicht-finanziellen) Unternehmen, Haushalten und Banken, in dem das von Banken geschaffene Giralgeld (auch als Buchgeld bezeichnet) als Zahlungsmittel fungiert. Da dieses Geld von den privaten Banken geschöpft wird, bezeichnet man es auch als “Inside Money” oder “Binnengeld”. Banken haben in diesem System offensichtlich eine Sonderfunktion, da sie die Schnittstelle zwischen beiden Geldkreisläufen darstellen und als einziger Akteur sowohl Reserven als auch Buchgeld in ihren Bilanzen führen (auf unterschiedlichen Seiten). Wie wir in den letzten Abschnitten sehen werden, halten Banken Reserven als Guthaben bei der Zentralbank und schaffen Einlagen als Verbindlichkeit gegenüber ihren Kunden.

Aber ist es nicht ganz schön riskant, den privaten Banken die Möglichkeit zu eröffnen, eigenständig Geld zu schaffen? Sollte man nicht lieber wieder dafür sorgen, dass Geld durch Gold gedeckt wird, so dass Banken die Guthaben ihrer Kunden in Form von Gold vorrätig halten? Wie wir am Beispiel der Kerbhölzer gesehen haben, braucht es zur Schaffung eines Kredits nicht einmal eine private Bank. In Phasen des sogenannten Goldstandards, in denen die Zentralbank versicherte, Geld in einem vorher festgelegten Verhältnis gegen Gold zu tauschen, entstanden regelmäßig Liquiditätsengpässe, weil die Zunahme der Handelsaktivität nicht von einer Zunahme der Geldmenge begleitet wurde. Um letzteres zu gewährleisten hätte es zusätzliches Gold gebraucht. Häufig wurde dann der Goldstandard aufgegeben oder Händler schrieben sich gegenseitig Schuldscheine, z.B. in Form von Wechseln, um der Geldknappheit zu entkommen. Ohne Geldschöpfung im privaten Bankensektor könnten sich solche Phasen wiederholen. Dies wäre für den Handel eine sehr schädliche Entwicklung. Andererseits sollte klar sein, dass eine völlig unkontrollierte private Geldschöpfung große Probleme verursachen kann (wie die globale Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt hat). Wir werden zu der Frage nach der Bedeutung des Geschäftsbankensektors sowie der Rolle der Zentralbank im sogenannten Interbankenmarkt in den letzten 3 Modulen dieses Blogs zurückkehren.

Funktionen und Preise von Geld

Doch was macht Geld nun tatsächlich zu Geld? Die meisten Nichtökonomen müssen sich über solche Fragen keine Gedanken machen. Für sie ist Geld die Summe aus Münzen, Scheinen und dem, was sich auf ihren Bankkonten befindet. Da Sichteinlagen für den überwiegenden Teil des allgemeinen Zahlungsverkehrs verwendet werden können, gehören sie klar zur Gelddefinition dazu. Letztlich stellen Einlagen aus Sicht eines Bankkundens zirkulationsfähige Forderungen gegenüber der Bank dar, die auch von allen anderen Wirtschaftssubjekten zur Bezahlung akzeptiert werden. Es handelt sich um einen digitalen Schuldschein des Bankensystems, der in der Privatwirtschaft zum Erwerb von Gütern und Dienstleistungen verwendet werden kann. Der Grund der Akzeptanz eines Geldes wird in den meisten Lehrbüchern der Geldtheorie auf folgende Eigenschaften bzw. Funktionen zurückgeführt:

(i) Es ist allgemeine akzeptiertes Tauschmittel, da man es bei allen Händlern zum Tausch gegen Waren und Dienstleistungen verwenden kann.

(ii) Es ist Zahlungsmittel, da man mit ihm Rechnungen begleichen, also Schuldverhältnisse auflösen, kann.

(iii) Es ist Wertaufbewahrungsmittel, weil man es vorrätig halten kann, um seine Zahlungsfähigkeit zu erhalten.

(iv) Es ist die allgemeine Recheneinheit, da man alle Güter und Dienstleistungen in Geldeinheiten bewertet und ihre Preise so miteinander vergleichen kann.

Wie sich leicht erkennen lässt, beeinflussen sich die einzelnen Funktionen des Geldes gegenseitig. Es wäre als Tausch- und Zahlungsmittel sicher nicht akzeptiert, wenn es keine Wertbeständigkeit hätte. Würde man nicht einschätzen können, welche Kaufkraft ein Euro in der Zukunft besitzt, würde man ihn wohl kaum im Tausch gegen Güter akzeptieren. Als Recheneinheit würde Geld nicht funktionieren, wenn es keine Tauschmittelfunktion hätte. Lassen sich Waren und Dienstleistungen nicht mit Hilfe von Geld erwerben, ist es offensichtlich auch unmöglich, diese in Geldeinheiten zu bewerten und zu vergleichen.

Die Funktion der Wertaufbewahrung wird von der Inflationsrate, also der Preissteigerungsrate, beeinflusst, da höhere Preise dazu führen, dass man mit der gleichen Geldmenge weniger Güter erwerben kann. Daher ist eine niedrige Inflationsrate ein wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik, um die Akzeptanz von Geld als Wertaufbewahrungsmittel sicher zu stellen. In Zeiten hoher Inflationsraten kann es auch andere Objekte geben, welche die Zahlungsmittelfunktion von Geld übernehmen. Häufig dienen dann Gold oder andere Edelmetalle als Wertaufbewahrungsmittel, oder Sachanlagen wie Häuser, das sogenannte Betongold. Jedoch haben auch diese Vermögenswerte keine konstante Kaufkraft, da ihr Wert, also ihr Preis relativ zu anderen Gütern, Schwankungen unterliegt. Während des Aufbaus der großen Immobilienblase im Vorfeld der globalen Finanzkrise, sind die Immobilienpreise stark angestiegen und haben so das Vermögen vieler Haushalte zunächst erhöht. Der plötzliche Zusammenbruch der Immobilienpreise nach Ausbruch der Finanzkrise hat dieses Vermögen aber wieder „vernichtet“.6 Dies hatte schwerwiegende Folgen, da sich viele Hauseigentümer Hypothekenkredite aufgenommen hatten, bei denen die Immobilie als Sicherheit hinterlegt wurde.

Seit einigen Jahren erfreuen sich digitale „Währungen“ wie Bitcoins einer immer größer werdenden Beliebtheit. Gerne behaupten Befürworter dieses Vermögenswertes, dass die politische Unabhängigkeit der digitalen Währungen der große Vorteil dieser neuen Geldform wäre. Da die Geldmenge sich nicht manipulieren lasse, seien diese “Währungen” wertbeständiger. Schaut man sich die Entwicklung der Preise solcher digitalen Konstrukte an, erscheint dieses Argument aber sehr schnell entkräftet. Der mangelnde politische Einfluss auf digitalen Währungen ist die große Achillesferse dieser Vermögenswerte, da ihr Preis hierdurch vollständig den Schwankungen der Nachfrage nach ihnen ausgeliefert ist. Da man Bitcoins im allgemeinen Zahlungsverkehr nicht verwenden kann, muss man seine Bitcoins zuvor in Sichteinlagen umtauschen. Der Preis dieses Umtausches unterliegt so enormen Schwankungen, dass man heute nicht vorhersagen kann wie der Wert der Währung morgen aussieht. Im Vergleich hierzu sind sowohl Höhe als auch Volatilität der Konsumentenpreisinflation, an der man die Wertbeständigkeit von Einlagen festmachen kann, ausgesprochen gering. Als allgemeines Zahlungsmittel sind Bitcoins daher unbrauchbar. Und niemand kann versichern, dass die Bewertung von Bitcoins nicht genau so einbricht wie die der Immobilien in der Finanzkrise. Wir werden sehen, dass es einer Institution wie der Zentralbank bedarf, um die Geldwertstabilität zu sichern. Es sind insbesondere jene „Manipulationen“ der Geldmenge, die von den Befürwortern digitaler Währungen immer kritisiert werden, die eine Wertbeständigkeit sicherstellen.

Die gerade dargestellten Überlegungen machen klar, dass die Inflationsrate Einfluss auf den Wert von Geld nimmt. Sie stellt daher einen Preis von Geld dar. Es gibt aber noch andere Kennzahlen, die man als Preis des Geldes bezeichnen kann. Der amerikanische Wirtschaftshistoriker Perry Mehrling führt insgesamt 4 Preise von Geld ein, die sich auf den relativen Wert zum Bargeld beziehen:7

(i) Der Preis von Einlagen ist i.d.R. pari, da man Einlagen Eins-zu-Eins gegen Bargeld tauschen kann. Bargeld und Einlagen haben daher den gleichen Wert. Dies kann in Krisenzeiten durchaus außer Kraft gesetzt werden. Wenn eine schwere Finanzkrise beispielsweise dazu führt, dass alle Kunden gleichzeitig ihre Einlagen abheben wollen, kann es passieren, dass die Bank ab einen gewissen Punkt die Herausgabe von Bargeld verweigert oder zumindest einschränkt. In diesem Fall kann man seine Einlagen gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt in Bargeld tauschen.

(ii) Ein weiterer Preis ist der Zinssatz, weil er bestimmt, welchen Preis man für ein Darlehen zu zahlen hat. Ein Kreditnehmer verpflichtet sich, das Darlehen zzgl. des Zinses in der Zukunft zurückzuzahlen.

(iii) Der Wechselkurs bestimmt den Preis für ausländisches Geld, da er angibt, wie viel ausländische Währung man gegen eine bestimmte Summe inländischer Währung tauschen kann.

(iv) Der letzte Preis des Geldes ist die oben bereits angeführte Inflationsrate, die über die zukünftige Kaufkraft von Geld entscheidet.

Viele Ökonomen legen besonderen Wert auf die institutionelle Fundierung von Geld. Demzufolge hat Geld die oben aufgeführten Eigenschaften primär deswegen, weil die Regierung alle Bürger zwingt, die eigens eingeführte Währung als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Dies kann der Staat tun, indem er alle Zahlungen wie Einkommens- und Mehrwertsteuer, Gebühren und Strafen, usw. nur in der von ihm festgelegten Währung akzeptiert. Georg Friedrich Knapp begründete mit der Veröffentlichung der „Staatlichen Theorie des Geldes“ in 1905 den sogenannten Chartalismus (Charter = Urkunde, also verbrieftes Geld, siehe Knapp (2018)).8

Die staatliche Souveränität bestehe ihm zufolge aus drei Monopolen: Die nationale Währung als Preis- und Recheneinheit festzulegen, die Zahlungsmittel auszugeben und die damit verbundenen Geldschöpfungsgewinne zu realisieren. Letzteres bezeichnet man auch als Seignorage. Ursprünglich entstand Seignorage dadurch, dass die Kosten der Münzherstellung unter dem Wert der Goldmünze lagen. Benötigt man zum Herstellen einer Zwei-Pfund Münze gerade einmal Gold im Wert von einem Pfund, so erzielt man pro Münze einen Gewinn von einem Pfund. Dieser Gewinn wurde dadurch realisiert, dass die Regierung das Geld nutzte, um ihre Ausgaben zu bestreiten, also Waren im Wert von 2 Pfund damit erwarb.

Da Münzen im heutigen Zahlungsverkehr so gut wie keine Rolle mehr spielen, wird Seignorage heutzutage meist mit den Zinsgewinnen der Zentralbank oder des Bankensektors gleichgesetzt. Jedoch handelt es sich bei den Gewinnen aus der Kreditvergabe um keine wirkliche Seignorage, sondern um die Bezahlung der Dienstleistungen der Zentral- und Geschäftsbanken (vglb. mit der Bezahlung eines Notars). Aus den Einnahmen des Kreditgeschäfts werden die Mitarbeiter sowie alle weiteren Kosten (Mieten etc.) gezahlt.

Geld wird nur deswegen allgemein anerkannt, weil die Regierung es als Zahlungsmittel akzeptiert. Weil jeder Bürger Steuern und Gebühren in der von der Regierung bestimmten Währung zahlen muss, hat jeder ein Interesse daran, gerade diese Währung als Zahlunsgmittel zu verwenden. Die Modern Monetary Theory (MMT) hat auf dieser Erkenntnis aufbauend eine Theorie entwickelt, die Geld als Steuergutschrift betrachtet (vergleichbar mit den Kerbhölzern in England). Staat und Zentralbank sind demnach die Schöpfer des Geldes und alle anderen lediglich die Nutzer.9

MERKE
  • Mäkte sind ohne irgendeine Form von Geld bzw. Schuldverhältnissen kaum vorstellbar. Vermutlich wird es Frühformen von Geld geben, seitdem es Märkte gibt.
  • Moderne Geldsysteme sind zweistufig aufgebaut und bestehen aus einem Reservenkreislauf zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken, sowie einen Giralgeldkreislauf zwischen Banken und Privatsektor.
  • Geld hat diverse Eigenschaften bzw. Funktionen, die sich aus der institutionellen Fundierung von Geld ableiten lassen (eine Währung wird von der Regierung als offizielles Zahlungsmittel festgelegt).
Übungsaufgaben/Quizzes

Literatur

BARNETT, W. A. UND P. A. SPINDT (1979). “The velocity behavior and information content of Divisia monetary aggregates,” Economics Letters, 4, 51–57.
KNAPP, G. (2018). Staatliche Theorie Des Geldes, Makroskop Mediengesellschaft mbH: Wiesbaden.