Gesamtwirtschaftliche Buchhaltung: Finanzierungssalden

Die Betrachtung sektoraler Finanzierungssalden  macht sich den Zusammenhang von Einnahme- und Ausgabeüberschuss zu Nutze. Die Analyse dieser Salden wurde u.a. von der Cambridge Economic Policy Group von Wynne Godley und Francis Cripps prominent gemacht (auch New Cambridge School oder Cambridge Keynesian School) und erfreut sich insbesondere seit der Finanzkrise auch bei Analysten immer größerer Beliebtheit.1

Godley realisierte 1974, dass man mit Hilfe der gesamtwirtschaftlichen Bilanzierungsidentität Prognosen für den Außenhandel machen kann ohne relative Preise und/oder Einkommen im In- und Ausland zu nutzen. Die sektoralen Identitäten bedingen, dass das staatliche Budgetdefizit und die Leistungsbilanz in der Summe gerade der Nettoersparnis der privaten Haushalte entsprechen muss. Kennt man das Budgetdefizit und die Nettoersparnis folgt hieraus die Position der Leistungsbilanz.

Die Leistungsbilanz fasst alle Leistungstransaktionen zwischen dem In- und dem Ausland zusammen und besteht vor allem aus der Handels- und Dienstleistungsbilanz. Wir werden im Folgenden die Leistungsbilanz mit der Handels- und Dienstleistungsbilanz gleich setzen. Da die restlichen Posten i.d.R. eine sehr untergeordnete Rolle spielen, halten wir diese Vereinfachung in einem Einführungsblog zum Thema Geld für angemessen.

Sektorale Betrachtung

Die Analyse sektoraler Bilanzen erwies sich als nützliches Tool: Bereits 1999 warnten Godley und Wray (1999), dass eine unhaltbare private Verschuldung auf eine große Blase hindeutet, die wie wir heute wissen noch mehr als weitere 10 Jahre vom Finanzsektor finanziert wurde. Im folgenden werden die Grundlagen sektoraler Salden dargelegt, um die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge zwischen Vermögen und Verschuldung darzustellen. Der wichtigste Grundsatz der Bilanzierung ist weiterhin die doppelte Buchführung, also die „arithmetisch-triviale“ Tatsache, dass jeder Ausgabe eine Einnahme, jedem Finanzvermögen eine Finanzverbindlichkeit, usw. gegenübersteht. 2 Ausgangspunkt ist die sogenannte Fundmentalidentität der Makroökonomik, welche das Bruttoinlandsprodukt (Y) in seine Nachfragekomponenten zerlegt. Dies sind Konsum, Investitionen Staatsausgaben sowie Ex- und Importe:

Y=C+I+G+EX-IM,

mit C: Konsum, I: Investitionen, G: Staatsausgaben, EX: Exporte, IM: Importe.
Die private Ersparnis ist der Teil des Einkommens nach Steuern (T), der nicht konsumiert wird, S = Y-T-C, folgt

 S+T+C = C+I+G+EX-IM
 \Leftrightarrow\underbrace{\left(S-I\right)}_{\text{Privater Sektor}}+\underbrace{\left(T-G\right)}_{\text{Staatlicher Sektor}}+\underbrace{\left(IM-EX\right)}_{\text{Auslandssektor}} = 0 \eea

Wenn wir mit dem Begriff Finanzierungssaldo die Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben eines Sektors bezeichnen, also die Veränderung des Nettogeldvermögens, so besagt die letzte Gleichung, dass die Summe der Finanzierungssalden des Privatsektors, des staatlichen Sektors und des Auslands in der Summe immer Null ergeben müssen. Es ist logisch zwingend, dass jeder Geldvermögensbildung auch eine Erhöhung der Geldverschuldung gegenüberstehen muss. Dies zeigt, dass ein positiver Saldo des einen Sektors nur möglich ist, wenn in der Summe die beiden anderen Sektoren einen gerade ebenso hohen negativen Saldo aufweisen. Weil die Schuld des einen das Vermögen eines anderen darstellt, kann ein Sektor sich nur dann verschulden (bzw. Geldvermögen bilden), wenn ein anderer gleichzeitig Geldvermögen bildet (bzw. sich verschuldet). Der private Sektor kann netto also nur dann Geldvermögensbildung betreiben, wenn sich der Staat oder das Ausland netto verschulden.3

Das Ausland „verschuldet“ sich, wenn die Importgüter wertmäßig geringer sind als die Exportgüter, also aus inländischer Sicht ein Einnahmeüberschuss bzw. aus ausländischer Sicht ein Ausgabeüberschuss vorliegt. Private Haushalte wollen i.d.R. Sparen, um Vorsorge zu betreiben, und Unternehmen könnten sich verschulden, um Investitionen zu tätigen. Will der Privatsektor aber als Ganzes seine Ersparnis erhöhen, so geht das eben nur, wenn entweder der staatliche Sektor und/oder das Ausland ihre Verschuldung ausweiten, also das Nettoauslandsvermögen steigt. Bei ausgeglichenem Außenhandel gilt EX = IM und aus der obigen Gleichung folgt, dass die staatliche Neuverschuldung immer der Nettogeldvermögensbildung des Privatsektors entspricht:

\underbrace{\left(S-I\right)}_{\text{Vermoegensbildung im Privatsektor}}=\underbrace{\left(G-T\right)}_{\text{Verschuldung im Staatssektor}} \label{FS} \eea

Wenn im Privatsektor die Ersparnis (im Seinne einer Reinvermögensbildung) höher ist als die Investitionen, also die Sachvermögensbildung, akkumuliert der Privatsektor Geldvermögen.4 Ein Einnahmeüberschuss des Privatsektors ist aber nur möglich bei gleichzeitigem Ausgabeüberschuss, also einer Neuverschuldung, des staatlichen Sektors. Ein Abbau der Staatsverschuldung entspricht daher notwendigerweise einem Abbau des Nettoprivatvermögens. Innerhalb des Privatsektors gibt es natürlich weiterhin Sparer und Schuldner, aber die Nettogeldvermögensbildung des gesamten Sektors muss zwangsläufig der Nettogeldverschuldung der anderen Sektoren entsprechen.

Die deutschen Finanzierungssalden (gemessen in Prozent des Bruttoinlandsproduktes) sind für die Jahre 1960-2017 in Abbildung 9 dargestellt.5 Die orangenen Balken zeigen die sogenannte Außenhandelsbilanz, also aus Sicht des Auslandes ihren Ausgabeüberschuss (die Differenz zwischen Importen und Exporten).6 Aus der Grafik lassen sich einige Regelmäßigkeiten erkennen, die für den gesamten betrachteten Zeitraum gelten. So erwirtschaftet der Privatsektor (private Haushalte und Unternehmen) seit den späten 1970ern für nahezu den gesamten folgenden Zeitraum bis heute einen Überschuss. Das einzige Jahr mit einem Defizit ist 2001. Die private Verschuldung in diesem Jahr war die Folge der Aktienmarktblase des New Economy Booms. Nach dem Platzen der Blase folgte eine Phase bisher einmalig hoher Einnahmeüberschüsse im Privatsektor, die bis heute andauert. Diese private Ersparnis ist nur möglich durch die enorme Verschuldung des Auslandes, also den Exportüberschüssen (aus deutscher Sicht). Da sich die Salden der einzelnen Sektoren immer zu Null addieren müssen, ist auch der Rückgang der staatlichen Defizite (bis hin zu den Überschüssen der letzten Jahre) nur möglich bei andauernder Verschuldung des Auslandes (solange der Privatsektor weiterhin solch große Überschüsse realisiert). Hierdurch kann die deutsche Volkswirtschaft nämlich als Ganzes Einnahmeüberschüsse realisieren.

Abbildung 9: Finanzierungsalden in Deutschland von 1950-2017
<b>Quelle:</b> Statistisches Bundesamt, Makroskop, Ameco Datenbank, eigene Berechnung (CC-0).
Quelle: Statistisches Bundesamt, Makroskop, Ameco Datenbank, eigene Berechnung (CC-0).

Die Finanzierungssalden einer Volkswirtschaft lassen sich beliebig kleinteiliger betrachten. So kann man, sofern man die notwendigen Daten dazu findet, den Privatsektor z.B. in Unternehmen (u) und private Haushalte (h) unterteilen:

 (S_h-I_h) + (S_u-I_u) + (T-G) + (IM-EX) = 0

Abbildung 10 zeigt wie sich die stärker disaggregierten Finanzierungssalden in Deutschland im Zeitablauf verändert haben. Die Salden sind jetzt nicht mehr als kumulierte Balken dargestellt, sondern als Zeitreihen, was die Analyse der Entwicklung einzelner Sektoren einfacher macht. Es lässt sich erkennen, dass die Ersparnis privater Haushalte in Deutschland (als Anteil am BIP) in der gesamten Zeitspanne relativ konstant im Durchschnitt bei 5 – 6 % lag. In den goldenen Zeiten des Kapitalismus (Stichwort: Deutsches Wirtschaftswunder) war die Verschuldung des Staates sowie des Auslandes nahezu Null, (T --G) = (IM-EX) = 0, und die Unternehmen haben sich netto in etwa in der Höhe verschuldet, in der die privaten Haushalte netto Geldvermögen gebildet haben:

 (S_h-I_h) =- (S_u-I_u)

Dies begann spätestens  Mitte der 1980er Jahre sich zu ändern. Seitdem verschuldet sich der Unternehmenssektor immer weniger und das Ausland oder der Staat übernehmen die Position des Nettoschuldners.

Abbildung 10: Stärker disaggregierte Finanzierungssalden in Deutschland

Anmerkung: Oberhalb der Nulllinie: Einnahmeüberschuss; unterhalb der Nulllinie: Ausgabeüberschuss.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Makroskop, Ameco Datenbank, eigene Berechnung (CC-0).

Wenn Sie die Pfeile nach links und rechts drücken, können Sie die Finanzierungssalden für die einzelnen Jahrzehnte durchgehen:

  • Von 1950 bis 1959 waren die Unternehmen im Durchschnitt um etwas mehr als 6 % verschuldet. Die Außenhandelsüberschüsse lagen bei etwas 2 % und Staat und private Haushalte konnten so einen Einnahmeüberschuss erzielen. In 1953 kam es zum Schuldenerlass aufgrund des Londoner Abkommens, was einem Transfer vom Ausland zum Staatssektor gleichkommt.7
  • Von 1960 bis 1969 waren die Budgetsalden von Staat und Ausland relativ ausgeglichen. Die Verschuldung des Unternehmenssektors ermöglichte die Vermögensbildung im Privatsektor: Die Investitionen erzeugten Einkommen, aus dem der Privatsektor Ersparnisse (im Sinne von Geldvermögen) bilden konnte.  Die Verschuldung des Unternehmenssektors, die zu enormen Investitionen führte, kann man wohl als eine wesentliche Ursache des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit bezeichnen.
  • In den Jahren von 1970 bis 1979 begann diese Voraussetzung dann zu verschwinden. Nach der ersten Ölpreiskrise in 1973 geriet die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession und die Unternehmen reduzierten ihre Nettoverschuldung. Der Staat glich in dieser Phase die Geldvermögensbildung der privaten Haushalte über eine Neuverschuldung aus.
  • Von 1980 bis 1989 verschlechterte sich dieses Bild noch weiter und die Unternehmen wurden für einige Jahre sogar zu Nettosparern. Durch die Außenhandelsüberschüsse dieser Zeit übernahm das Ausland zu einem größeren Teil die Schuldnerrolle.
  • Die Zeit von 1990 bis 1999 war von der Wiedervereinigung geprägt. Staat und Unternehmen verschuldeten sich und investierten in die neuen Bundesländer. In 1995 wurde die Treuhandanstalt aufgelöst und es kam zu einem Privatisierungsverlust von 200 Mrd. DM, was einen Transfer vom Staats- zum Unternehmenssektor bedeutet.8
  • In den Jahren von 2000 bis 2009 wurden die deutschen Unternehmen dann endgültig zu Nettosparern. Dies könnte damit zusammenhängen, dass nach Platzen der New-Economy Blase in 2001 die Bilanzen vieler deutscher Unternehmen in die Schieflage geraten waren. Viele Vermögenswerte verloren gleichzeitig an Wert und bei sofortiger Wertkorrektur wären einige Unternehmen vermutlich insolvent gewesen. Daher haben diese Unternehmen angefangen, Überschüsse zu bilden und Kredite zurückzuzahlen, um der Überschuldung zu entkommen.9 Der Staat begann zudem seine Neuverschuldung zu reduzieren, was nur möglich war, weil die immer größer werdenden Exportüberschüsse das Ausland zu einem immer größeren Schuldner machten.
  • In der Zeit nach 2010 änderte sich an dem Verhalten des deutschen Unternehmenssektors wenig. Da die Exportüberschüsse jedoch weiter anwuchsen, war es in den letzten Jahren sogar möglich, dass alle inländischen Sektoren netto Geldvermögen bilden konnten (zu Lasten des Auslandes).

Unternehmen als Nettosparer sind ein Phänomen, dass man seit den 1980ern in vielen Industrienationen regelmäßig antrifft und häufig den Staat zu dem letzten verfügbaren Schuldner macht. Dies verdeutlicht Abbildung 11. Spätestens seit der Finanzkrise in 2007/08 sind global in nahezu allen Industrienationen die Unternehmen zu Nettosparern geworden. Der taiwanesische Ökonom und Finanzmarktanalyst Richard Koo sieht den Grund für diese Entwicklung in einer globalen Bilanzrezession, welche die Unternehmen dazu zwingt, Einnahmeüberschüsse zu bilden, um die eigene Verschuldung abzubauen (siehe Koo (2011) und Koo (2014)). Koo erhielt viel Aufmerksamkeit für seine Bilanzrezessionsthese, die er zunächst zur Erklärung der langen Rezessionsphase in Japan entwickelte.

Abbildung 11: Finanzierungssaldo der Unternehmenssektoren international
Anmerkung: 5-Jahres-Durchschnitte, Quelle: Ameco Datenbank.

Andere Ökonomen sehen seit den 1980ern einen allgemeinen Trend zu einer größeren Bedeutung des Finanzsektors, den sie als „Finanzialisierung“ bezeichnen.10 Grob vereinfacht könnte man sagen, dass der Shareholdervalue-Kapitalismus, der in den 1980er Jahren in den USA und Großbritannien seinen Ursprung hatte, Unternehmen dazu anhält, sich primär an der Bewertung am Aktienmarkt zu orientieren. Dies hat dazu beigetragen, dass der kurzfristige Cash-Flow einer Firma wichtiger wurde als langfristige Investitionen. Man spricht daher auch von „Profiten ohne Investitionen“, einem Phänomen, dass vor den 1980ern kaum aufgetreten ist. Zudem beginnen auch Firmen außerhalb der eigentlichen Finanzindustrie, ein Geschäft mit der Vergabe von Krediten zu machen. Ein beliebtes Beispiel, welches die zunehmende Bedeutung finanzieller Transaktionen auf den Punkt bringt, ist die Tatsache,

„dass sowohl General Motors als auch Ford im 2. Quartal 2004 höhere Einnahmen durch Konsumenten- und Hypothekenkredite sowie Leasinggebühren erzielt haben als durch den Verkauf von Autos.“, van Treeck et al. (2007, S. 34)

Die realwirtschaftliche Produktion verliert durch den Finanzsektor zunehmend an Bedeutung und es wird immer mehr Geldvermögen gebildet, aber zu wenig Sachvermögen (zu geringe Investitionen). Dies würde auch einen Teil der sehr schwachen Produktivitätsentwicklung in nahezu allen Industrienationen seit den 1980ern erklären.

Internationale Zusammenhänge

Am Ende dieses Abschnitts werden wir noch einmal den Fokus auf die internationalen Zusammenhänge legen. Betrachten wir im Folgenden eine Welt aus zwei Ländern A und B. Land A weist einen Exportüberschuss auf (IM^A-EX^A < 0). Der Ausgabeüberschuss des Auslandes ermöglicht den beiden anderen Sektoren dieses Landes in der Summe einen Einnahmeüberschuss zu erzielen. Gehen wir davon aus, dass in Land A der Privatsektor einen Einnahmeüberschuss verzeichnet, weil die privaten Haushalte Vorsorge betreiben wollen und auch die Unternehmen inzwischen zu Nettosparern geworden sind. Solange die Exportüberschüsse größer sind als die Einnahmeüberschüsse des Privatsektors, kann auch der Staat Überschüsse erzielen.
Für Land B impliziert der Exportüberschuss von Land A zwangsläufig ein Außenhandelsdefizit, also dass die Importe größer sein müssen als die Exporte. Land B muss quasi die Produktion von Land A aufnehmen, welche die Einheimischen nicht selber verkonsumieren. Dies ist aber nur möglich, wenn in Land B der Privatsektor und der Staat in der Summe einen Ausgabeüberschuss aufweisen, sich also verschulden. Sollte auch in Land B der Privatsektor netto sparen wollen, so ist dies nur dann möglich, wenn der Staatssektor sich verschuldet und sowohl die Vermögensbildung des eigenen Privatsektors wie auch die von Land A ausgleicht. Dies ist in den folgenden Gleichungen dargestellt:

 \underbrace{\left(S^A-I^A\right)}_{\textgreater 0}}+\underbrace{\left(T^A-G^A\right)}_{\textgreater 0}}+\underbrace{\left(IM^A-EX^A\right)}_{\textless 0}} = 0 \label{FS} \eea

 \underbrace{\left(S^B-I^B\right)}_{\text{\textgreater 0}}+\underbrace{\left(T^B-G^B\right)}_{\text{\textless 0}}+\underbrace{\left(IM^B-EX^B\right)}_{\textgreater 0}} = 0 \label{FS} \eea

Die sektoralen Salden stellen Ex-Post Identitäten dar und können keine Kausalität erklären. Ob der Wunsch von Land A nach höherer staatlicher Ersparnis auch realisiert wird, hängt eben auch von dem Verhalten der anderen Sektoren und des Auslandes ab. Sollte das Ausland Maßnahmen ergreifen, die zu einem Rückgang der Überschüsse führen, dann müsste sich zeitgleich entweder im Privatsektor oder im staatlichen Sektor die Vermögensbildung verringern. Dies kann auch unwillentlich passieren. Falls der Rückgang der Exportüberschüsse zu Jobverlusten in der Exportindustrie führt, könnten ganz automatisch die Steuereinnahmen sinken und die Staatsausgaben steigen, so dass der Staat sich unbeabsichtigt verschuldet, weil die Wirtschaft in eine Krise gerät. Es wäre auch denkbar, dass der Privatsektor sich verschuldet, weil viele Menschen arbeitslos werden und ihren Einkommensverlust durch eine verringerte Sparneigung oder durch Kredite ausgleichen. Letzteres wäre eine problematische Entwicklung, da eine Verschuldung der privaten Haushalte auf längere Sicht häufig zur Zahlungsunfähigkeit führt. Der Immobilienboom in den USA und Spanien wurde zum Beispiel von einer massiven privaten Verschuldung begleitet, welche die Hauspreise in die Höhe trieb.

Der internationale Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn man die beiden vorangegangenen Gleichungen kombiniert. In einer Zwei-Länder-Welt wäre nämlich IM^A = EX^B und EX^A = IM^B, so dass IM^A-EX^A = EX^B-IM^B gilt. Es folgt zwingend logisch:

(S^A-I^A)+(T^A-G^A)+(S^B-I^B)+(T^B-G^B)=0,

bzw.

(G^B-T^B)=(S^A-I^A)+(T^A-G^A)+(S^B-I^B).

Der staatliche Einnahmeüberschuss in Land A, T^A-G^A, erhöht demnach die staatliche Verschuldung in Land B, G^B-T^B, solange sich die Nettogeldvermögensbildung im in- und ausländischen Privatsektor nicht ändert.

Auch wenn dies lediglich eine Ex-Post Identität darstellt, die keine kausalen Zusammenhänge erklärt, lässt sich mit Hilfe der Analyse sektoraler Salden die Konsistenz wirtschaftspolitischer Vorschläge prüfen. Die oben dargestellte Situation ist vergleichbar mit der derzeitigen Situation im Euro-Raum. In Deutschland (Land A) sind die Salden des Staates (Stichwort Schwarze Null) und des Privatsektors positiv. Wenn Staat und Privatsektor sparen, muss das Ausland sich verschulden. Land B stellt dann einen der südeuropäischen Nachbarn dar, die wegen des Außenhandelsdefizits die Ersparnisse von Land A aufnehmen. Da diese Länder einen hohen staatlichen Schuldenstand aufweisen, sollen diese Länder auf Druck der europäischen Union, des IWF und der EZB staatliche Überschüsse generieren, um die Staatsschulden zu reduzieren. Ceteris Paribus müsste sich dann der Privatsektor verschulden, was zu einem Problem wird, falls dies über die privaten Haushalte geschieht, die ggf. mit Konsumentenkrediten ihr Einkommen stabilisieren. Eine solche Verschuldung würde man nur so lange aufrecht erhalten können wie der Finanzsektor noch an eine Zahlungsfähigkeit des Privatsektors glaubt und auslaufende Kredite erneuert. Geht diese Glaubwürdigkeit verloren, weil die Kreditnehmer bereits eine sehr hohe Summe von Krediten aufgenommen haben, droht ihnen die Privatinsolvenz. Zudem kann es dann zu Prozessen kommen, die wir im Abschnitt zur Buchführung behandelt haben. Fehlt es flächendeckend an liquiden Zahlungsmitteln, um Schulden zu bedienen, werden sehr viele Vermögensbesitzer ihre Wertpapiere, Anleihen, Häuser, etc. gleichzeitig verkaufen und die Krise verstärken.

Ob es zu einer Zunahme der Privatverschuldung kommt oder der Staatssektor trotz Sparanstrengung keine Überschüsse erzielt, weil die Steuereinnahmen einbrechen oder ob eine Mischung aus beidem eintritt, lässt sich aus den Gleichungen selbstverständlich nicht ableiten. Denkbar wäre auch eine Erhöhung der Exporte, um die Nettoersparnisse aus Land A zu verringern. Dafür müsste man in Deutschland wiederum zulassen, dass die Exportüberschüsse sinken oder sogar Maßnahmen ergreifen, um einen Abbau der Überschüsse zu beschleunigen, damit die südeuropäischen Länder es einfacher haben, staatliche Überschüsse zu generieren.11

Möchte man, dass das Leistungsbilanzdefizit der Südländer sinkt, dann muss man eben auch zulassen, dass der Überschuss Deutschlands abnimmt. Oder man geht davon aus, dass Europa als ganzes längerfristig einen Überschuss erzielt. Dies ist aber unwahrscheinlich, weil dies vermutlich zu einer Aufwertung des Euros führen würde. Zudem würden die Anpassungsprobleme so in das europäische Ausland verlagert werden. Die aktuelle Debatte um die Strafzölle Donald Trumps sind eine Reaktion auf diese Strategie, die zu erwarten war (auch wenn Herr Trump die hier dargestellten Zusammenhänge vermutlich nicht im Detail versteht).

Der Zusammenhang zwischen den drei Sektoren einer Volkswirtschaft lässt sich auch grafisch ausnutzen. Betrachten wir zunächst wieder eine geschlossene Volkswirtschaft (bzw. eine mit ausgeglichener Leistungsbilanz). Dann muss der Überschuss im Privatsektor dem Defizit im Staatssektor entsprechen. Dies ist in der ersten Grafik von Abbildung 12 gezeigt. Auf der horizontalen Achse wird der Saldo des Privatsektors abgetragen, auf der vertikalen der Saldo des Staatshaushaltes. Alle Punkte auf der Winkelhalbierenden sind realisierbar, da dem Überschuss eines Sektors ein Defizit des anderen Sektors in exakt gleicher Höhe gegenübersteht.

Abbildung 12: Finanzierungssalden, 3-dimensionale Darstellung

Quelle: Eigene Erstellung.

Nehmen wir das Ausland als dritten Sektor hinzu kann man die Winkelhalbierende verschieben, um mögliche Realisationen bei einem außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht zu betrachten. Die zweite Grafik analysiert einen Überschuss im Außenhandel von 5 %. Wenn der Außenhandel im Überschuss ist, verschuldet sich das Ausland. Daher können die beiden anderen Sektoren in der Summe 5 % mehr einnehmen als sie ausgeben. Es wäre also möglich, dass der Privatsektor einen Überschuss von 5% realisiert, während der Staatshaushalt weiterhin ausgeglichen ist. Ebenso wäre es denkbar, dass der Staat 5 % Überschüsse erzielt und der Privatsektor einen ausgeglichenen Saldo ausweist. Die letzte Grafik behandelt ein entsprechendes Außenhandelsdefizit, was es unmöglich macht, Überschüsse in beiden anderen Sektoren zu bilden. Mindestens einer der beiden Sektoren muss zum Nettoschuldner werden und Ausgabeüberschüsse erzielen, welche die Gegenposition zu den Ersparnissen aus dem Ausland bilden. Schafft es die Regierung in einer solchen Situation Überschüsse zu erzielen, um den Bestand der Verschuldung abzubauen, muss sich der Privatsektor netto verschulden, sofern das Außenhandelsdefizit bestehen bleibt.

Was viele bei einer allzu leichtfertigen Forderung nach Haushaltsdisziplin und Sparprogrammen nicht sehen, ist, dass der Staatsverschuldung immer ein Privatvermögen gegenübersteht. Es sind ja private Haushalte, welche die Anleihen des Staates kaufen und so die Möglichkeit bekommen, außer-sektorales Vermögen aufzubauen. Bei ausgeglichener Leistungsbilanz muss die Neuverschuldung des Staates immer dem Zuwachs des privaten Nettogeldvermögens entsprechen. Durch Akkumulation kann der Privatsektor ein Nettovermögen aufbauen, welches Eins-zu-Eins dem Schuldenstand des Staates entspricht. Folglich ist eine Reduktion der staatlichen Neuverschuldung immer gleichbedeutend mit einer Reduktion des Nettogeldvermögenszuwachses des Privatsektors. Wenn der Staat dauerhaft Überschüsse erzielt, um seine Schulden langfristig komplett zurückzuzahlen, muss der Privatsektor in der selben Zeit permanent sein Vermögen reduzieren bis das Nettogeldvermögen auf Null gesunken ist.

Nur im Falle von Leistungsbilanzüberschüssen kann der inländische Privatsektor auch im Ausland Finanzvermögen aufbauen. Da das Ausland in diesem Fall mehr ausgibt als es einnimmt, müssen Privatpersonen, Staat und/oder Unternehmen im Ausland ihr Nettogeldvermögen reduzieren. Die Inländer halten dann ausländische Anleihen, Wertpapiere o.ä.. Häufig handelt es sich hierbei auch um Forderungen des inländischen Bankensektors gegenüber dem ausländischen. Für das Ausland bedeutet dies aber, dass zusätzlich zu der eigenen Vermögensbildung auch die Ersparnis des anderen Landes auszugleichen ist. Dies führt häufig dazu, dass sich der Staat verschulden muss, wenn Außenhandelsdefizite vorliegen.

MERKE
  • Eine geschlossene Volkswirtschaft (ohne Außenhandel) kann als Ganzes kein Geldvermögen bilden, da sich Forderungen und Verbindlichkeiten immer ausgleichen müssen. Vermögensbildung („Ersparnis“) kann auf gesamtwirtschaftlicher Ebene daher nur Sachvermögensbildung, also Investition sein.
  • Eine offene Volkswirtschaft (inkl. Außenhandel) kann nur in der Höhe Geldvermögen bilden, in der sich das Ausland verschuldet (Ausgabeüberschüsse bildet). Der Teil der Vermögensbildung („Ersparnis“), der über die Sachvermögensbildung hinausgeht, stellt somit Forderungen gegenüber dem Ausland dar.
  • Private Haushalte können im Aggregat nur in dem Umfang Geldvermögen bilden, indem sich der Staat und/oder das Ausland verschulden.
Übungsaufgaben/Quizzes

 

Literatur

BUNDESBANK (2006). “Zur jüngeren Entwicklung der Kredite deutscher Banken an inländische Unternehmen und Privatpersonen,” Deutsche Bank Monatsbericht, Juli, 15–31.
GODLEY, W. UND M. LAVOIE (2007). Monetary Economics – An Integrated Approach to Credit, Money, Income, Production and Wealth, Palgrave MacMillan.
GODLEY, W. UND L. R. WRAY (1999). “Can Goldilocks Survive?” Economics Policy Note Archive 99-4, Levy Economics Institute.
HEIRES, M. UND A. NÖLKE (2011). “Finanzkrise und Finanzialisierung,” in Die Internationale Politische Ökonomie der Weltfinanzkrise, Springer VS, 37–52.
KOO, R. C. (2011). “The world in balance sheet recession: causes, cure, and politics,” real-world economics review, 19–37.
KOO, R. C. (2014). The Escape from Balance Sheet Recession and the QE Trap: A Hazardous Road for the World Economy, John Wiley & Sons.
VAN TREECK, T., E. HEIN, UND P. DÜNHAUPT (2007). “Finanzsystem und wirtschaftliche Entwicklung: neuere Tendenzen in den USA und in Deutschland aus makroökonomischer Perspektive,” IMK Studies 05/2007, Institut für Makroökonomie.

 

Fußnoten

  1. In Deutschland schuf Wolfgang Stützel in den 1980ern mit seiner Saldenmechanik unabhängig hiervon ein sehr ähnliches Analysetool.
  2. In den sogenannten Stock-Flow Consistent (SFC) Modellen (siehe Godley und Lavoie (2007)) ist dieses Prinzip Grundlage der makroökonomischen Modellbildung und wird seit kurzem auch in den Prognosemodellen der Bank of England verwendet.
  3. Im vorangegangenen Abschnitt haben wir für eine geschlossene Volkswirtschaft ohne Staat gezeigt, dass Vermögensbildung nur in Form von Sachvermögensbildung möglich ist. In der hier gemachten Verallgemeinerung ist es in dem Ausmaße möglich Geldvermögen zu bilden wie sich Staat und Ausland in der Summe verschulden. Der Teil der privaten Vermögensbildung, der über die Sachvermögensbildung hinausgeht, ist dann die Geldvermögensbildung des Privatsektors.
  4. Definiert man die staatliche Ersparnis als Budgetüberschuss, also T -G, dann gilt weiterhin, dass auf aggregierter Ebene die Investitionen den Ersparnissen (privat zzgl. staatlich) entsprechen: I = S + (T -G).
  5. Die starken Ausschläge in 1953 und 1995 stellen den Schuldenerlass der Nachkriegszeit (Transfer vom Ausland zum Staat) sowie die Auflösung der Treuhandanstalt nach der Wiedervereinigung (Transfer vom Staat zum Privatsektor) dar.
  6. Nach VGR ist es die Leistungsbilanz, enthält also auch den sogenannten Saldo der Primäreinkommen (Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen) sowie die Bilanz der laufenden Übertragungen. Diese Posten sind i.d.R. aber bedeutend kleiner und werden in dieser Einführung nicht weiter behandelt.
  7. Siehe z.B. diesen Artikel im Tagesspiegel: hier.
  8. Siehe auch diesen Wikipedia-Eintrag, hier.
  9. Auch die Bundesbank spricht in dieser Zeit von solchen bilanziellen Effekten (siehe Bundesbank (2006).)
  10. Einen guten deutschsprachigen Überblick über die Vorgänge der Finanzialisierung findet sich zum Beispiel in Heires und Nölke (2011), hier.
  11. Da die enormen Überschüsse Deutschlands ohnehin nur durch eine reale Unterbewertung zustande kommen und bei eigener Währung sofort durch eine Aufwertung reduziert werden würden, wäre dies geboten. Aber selbst einfache Bilanzierungszusammenhänge scheinen in der Debatte über die Verantwortung der deutschen Wirtschaftspolitik in Europa nicht verstanden zu werden.